Zum Internationalen Tag der Frau (gestern;-)

Annie Londonderry: Die 1. Frau, die per Rad die Welt umrundete

Von Peter Zheutlin

Foto zu dem Text "Annie Londonderry: Die 1. Frau, die per Rad die Welt umrundete"
| Foto: worldbicyclerelief.org

09.03.2017  |  September 1895: Eine junge Frau aus Boston rollt mit einem Siegerlächeln auf dem Fahrrad in Chicago ein. 15 Monate zuvor ließ die jüdische Mutter ihren Mann mit drei kleinen Kindern zurück, um als erste Frau auf dem Fahrrad die Welt zu umrunden.

Sie legte rund 11 200 Kilometern auf dem Rad
zurück, nutzte auch Bahn- und Schiff. Ihr Titel war daher nicht unumstritten, aber sie wurde berühmt, und zu einem Symbol der Emanzipations-Bewegung.

Es war ihr Fahrrad, das ihr diese Freiheit schenkte. Ihr Name war Anne Cohen Kopchovsky, aber sie reiste unter dem Namen Annie Londonderry, um damit ihren ersten Sponsor zu würdigen, die "Londonderry Lithia Spring Water Company of New Hampshire", die sie finanziell unterstützte, und deren Werbeplakette sie am Gepäckträger trug (später sollten viele weitere folgen).

Annie war mit leichtem Gepäck unterwegs,
und trug nur ein Set Wechselkleidung und einen Revolver (mit Perlmuttgriff!) in der Tasche. Angeblich war eine Wette zwischen zwei reichen Geschäftsmännern aus Boston die Motivation für ihr Abenteuer: Die beiden wetteten, eine Frau wäre nicht fähig, dieselben Dinge zu tun wie ein Mann - zum Beispiel auf zwei Rädern um die ganze Welt zu fahren, und zwar in 15 Monaten.

Das hatte zuvor ein Mann geschafft. Es ging um 10 000 Dollar, ein echtes Vermögen im Jahr 1895. Zu einer Zeit, in der Frauenrechte hart diskutiert wurden, bekam die Wette zudem einen dramatischen Charakter, und das öffentliche Interesse an Annies Geschichte war groß.

Egal, ob die Wette wahr ist, oder ausgedacht war:
Fakt ist, eine mutige Frau machte sich auf den Weg, die Welt zu umradeln, und das vorherrschende viktorianische Bild der Frau zu zerschlagen. Das Fahrrad war ihre Flucht aus den festgezurrten familiären und gesellschaftlichen Erwartungen an feminines Verhalten, das bisher die Frauen den Männern klar unterordnete.

Für Frauen wie Annie war das Fahrrad buchstäblich eine Befreiung. Das Gefühl, die Hügel hinunter zu sausen, den Wind im Gesicht, aus eigener Kraft durch die Landschaften zu rollen… Eine Erfahrung, die viele Frauen in Amerika und Europa in den 1890er Jahren teilten, als das Fahrrad zum ersten Mal populär wurde.

Als Annie die Stadt Boston auf dem Rad verließ,
schrieb ein Reporter: “Sie segelte davon wie ein Drachenflieger in der Beacon Street”. Aber das Gefühl von physischer Befreiung setzte noch viel mehr in Bewegung: Die Möglichkeit und Freiheit, größere Entfernungen zu meistern, eröffnete den Frauen eine neue Welt, räumlich aber auch im übertragenen Sinne.

Die Emanzipations-Bewegung wurde größer, immer mehr Frauen kämpften für ihr Wahlrecht, soziale Gerechtigkeit und ein Aufbrechen der traditionellen Frauenbilder.

Annie startete ihr Abenteuer auf einem fast 23 Kilogramm
schweren Columbia-Damen-Fahrrad, in Rock, Bluse und Jacke. 15 Monate später kam sie auf einem knapp 10 Kilogramm schweren Sterling-Herrenrad nach Chicago zurück, in Radklamotten für Männer. Das hatte natürlich praktische Gründe – gleichermaßen wollte sie jedoch auch die Konventionen aufbrechen.

In der Zeit auf dem Rad war Annie stark und selbstbewusst geworden, sehr extrovertiert und natürlich extrem fit. Sie sagte später, ihr Antrieb seien nicht nur die wachsenden Muskeln in ihren Beinen gewesen, sondern die Idee, eine “neue Frau” zu werden. Für sie bedeutete das, eine Frau zu sein, die alles machen kann, was ein Mann kann.

Einige Monate nach Annies Rückkehr schrieb
die Frauenrechtlerin Susan B. Anthony, “das Fahrrad hat mehr für die Emanzipation der Frauen getan als irgendetwas anderes in der Welt.”

Annie Londonderry war meine Urgroßtante. Mein Interesse an ihr war zunächst von familienhistorischer Art, aber mir wurde schnell klar, wie revolutionär die simple Technik des Fahrrads war. Die Fortbewegung auf zwei Rädern mit eigenem Antrieb, war und ist immer noch befreiend.

Das Fahrrad hat gezeigt, dass es nicht nur das Potential hat,
das Leben Einzelner zu verändern, sondern die Gesellschaft im Ganzen. Zum Beispiel so, wie "World Bicycle Relief" (WBR) Programme heute auf dem afrikanischen Kontinent. Tausende von Mädchen und Frauen lernen Radfahren, und rollen auf zwei Rädern Richtung Zukunft und Unabhängigkeit.

In einigen Geschichten dieser Mädchen und Frauen sehe und höre ich die Stimme meiner Urgroßtante Annie. Es ist, als würde ihre Geschichte weiterleben, über die Jahrzehnte und Kontinente hinweg. Heute wie zu Annies Zeiten ist das Fahrrad ein Instrument für sozialen Wandel, für die Stärkung der Frauen, und für wirtschaftliche Entwicklung. Ganz zu schweigen von seinem Potential, einige der größten Probleme unserer Zeit zu lösen, vom Klimawandel, über Zugang zu Gesundheitsversorgung bis hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft.

Echter Wandel kann Jahrzehnte, Generationen oder sogar
Jahrhunderte dauern. Einige Kämpfe müssen immer und immer wieder geführt werden – zu anderen Zeiten und an anderen Orten. Aber der Kampf bleibt derselbe, so wie der Kampf gegen Vorurteile von Männern gegenüber Frauen auf dem Fahrrad. Sie existieren tatsächlich auch heute noch in einigen Teilen der Erde.

Als ich vor ein paar Wochen ein Video von WBR sah, haben mich die Worte und Bilder von Mädchen und jungen Frauen aus Afrika von heute sehr berührt, weil sie genau widerspiegeln, was Annie Londonderry vor mehr als hundert Jahren erlebt hat. Ihr Weg über schlechte Straßen, hartes Terrain und mit minimaler Versorgung und Sicherheit – die Verhältnisse von Frauen im ländlichen Afrika ähneln denen, die Annie in den 1890er Jahren erlebt hat.

“Jetzt, wo sie ein Fahrrad hat, wird sie niemand mehr aufhalten,” sagt Angelas Großmutter im Video. Sie sagt es beinahe in den gleichen Worten, die Annie schon benutzte: “Was ein Mann kann, kann eine Frau auch.”

Peter Zheutlin
ist freier Journalist und Autor aus Boston. Er schreibt regelmäßig für The Boston Globe und The Christian Science Monitor. Außerdem hat er für die Los Angeles Times, The San Francisco Chronicle, AARP Magazine, Bicycling und viele andere geschrieben. Peter ist selbst leidenschaftlicher Radfahrer, und hat neben sechs anderen Büchern auch veröffentlicht: “Around the World on Two Wheels: Annie Londonderry’s Extraordinary Ride” (Citadel Press, Kensington, 2007).

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