"Seine eigenen Grenzen erfähren" - ein Film von Michael Reis-Müller

Film-Tip: "Brevet - der Film"

Von Gunnar Fehlau

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31.01.2016  |  Brevets sind eine alte Disziplin im Radsport, bei der man extrem lange Distanzen zurücklegt - und dabei nicht gegen die Anderen kämpft, sondern seine eigenen körperlichen Grenzen buchstäblich erfährt.

Der Faszination dieses Themas nimmt sich der kürzlich auf DVD erschienene, gleichnamige Film von Michael Reis-Müller an. Gunnar Fehlau, selbst begeisterter Randonneur und Finisher des Brevet-Klassikers "Paris - Brest - Paris", hat ihn angeschaut.

Man kann mit Fug und Recht sagen,
dass die Brevet-Szene über zehn Jahre meine Velo-Heimat war. Zwischen 1995 und 2007 bin ich eine Vielzahl von Brevets im In- und Ausland gefahren.

So habe ich diesem Film mit viel Spannung entgegengefiebert. Die Premiere fand am vergangenen Wochenende in Hamburg statt. Ich hatte die Gelegenheit, den Film vorab zu sehen, und kann sagen: Es gibt reichlich Grund, sich auf "Brevet - der Film" zu freuen.

Wer die Szene kennt, wird viel(e/s) wiedererkennen.
Wer in der Randonneur-Szene neu ist, dem gewährt der Film einen ebenso informativen wie unterhaltsamen und facettenreichen Einblick. Der Film hat das Zeug, zur Blaupause für das Thema Brevet zu werden, ähnlich wie „Ride the Divide“ von Mike Dion ein Magnet für Interessierte rund um Selfsupport-Racing/ Bikepacking wurde.

Auch beim Storyboard haben die beiden Filme Parallelen: Es werden Routiniers, Rookies und Ambitionierte bei ihrer Vorbereitung und bei der Fahrt von "Paris - Brest - Paris" (PBP) begleitet. Es wechseln sich sachliche Passagen mit Action-Sequenzen in lässiger Folge ab.

Einen kleinen Minuspunkt gibt's von mir für den Soundtrack:
Die Musik ist gut, sie funktioniert - aber in einem Film über das älteste noch ausgetragene Radrennen der Welt durch Frankreich, hätten schon auch französische Sprache und Klänge ertönen können. Doch keine Sorge, das schmälert den Genuss kaum...

Ich bin als PBP-Finisher, Rad-Freak und Sportsfreund knapp 80 Minuten bestens unterhalten worden. Köstlich, wie der Rookie sich über das Geballer zum Auftakt bei der Ausfahrt aus Paris (also auf den ersten 150 Kilometern) wundert. Oder wie der Routinier nach einer schlafknappen Nacht sein Rad in der Verpflegungsstation nicht mehr finden kann.

Dass auf Lang-Distanzen Zeit und Raum verschwimmen,
ist bekannt - und wird bei Filmminute 72 schlagartig klar, Zitat Claus Czycholl: „Heute müsste ungefähr Donnerstag sein.“ Und dann war da noch der Brite, der sich darüber aufregt, dass ihm im Vorfeld niemand gesagt hat, wie hügelig die Strecke ist: „Ich dachte, Frankreich sei flach!“ Herrlich!

Es sind diese Überraschungsmomente, die den Film auch für Insider von seiner dramaturgischen und inhaltlichen Erwartbarkeit befreien. Das tut ihm gut, und wird auch dem Inhalt gerecht: Jeder Brevet-Fahrer weiß, dass keine Langdistanz-Fahrt ohne Überraschungen zu Ende geht. Oder, wie es Tour-Divide-Ikone Jay Petervary einmal sagte: „Be prepared for the unprepared!“

Ganze Arbeit, die der TV-Journalist und Filmemacher
Michael Reis-Müller da geleistet hat! Letzte Erkenntnis: Man sollte Menschen niemals unterschätzen, oder vorschnell in eine Schublade stecken: Eine Dame im besten Alter ist freiwillige Helferin in einer Verpflegungsstation, und schaufelt Salat für die hungrigen Fahrer in Schalen.

Auf die Frage nach ihrer Motivation antwortet sie lapidar: „Ich bin sechsmal mitgefahren, jetzt helfe ich auch mal.“ Bis dahin ist es für die meisten Radfahrer noch ein weiter Weg, der für hoffentlich viele über diesen Film führt. Anschauen!

Der Film kann seit Mitte Januar auf der Netzseite www.brevet-der-film.de gestreamt werden (Link siehe unten), und ist als DVD bei Amazon erhältlich.

Gunnar Fehlau
ist Chefredakteur und Gründer des Branchen-Diensts pressedienst-fahrrad (pd-f).

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