Profi-Radsport

Die Radsportszene und ihre populären Verlierer

Der Ruhm der Zweitplatzierten

Man muss wahrhaft Großes vollbracht haben, um in die französische Ehrenlegion aufgenommen zu werden. Einer, dem diese Ehre zuteil geworden ist, ohne je den ganz großen Erfolg errungen zu haben, ist Raymond Poulidor, der wohl berühmteste Zweitplatzierte der Radsportgeschichte. Seine beinahe unzähligen unteren Podiumsplätze bei bedeutenden Rennen machten ihn in Frankreich zu einer verehrten Kultfigur, mithin zum wohl populärsten Verlierertypen der Sporthistorie. „Le Malheureux“, der Unglückliche, wurde Poulidor von seinen Landsleuten liebevoll genannt. Insgesamt fünf Mal beendete er die Tour de France als Dritter, drei Mal wurde er Zweiter. Vier WM-Medaillen konnte er gewinnen, drei bronzene und eine silberne. Gold blieb ihm verwehrt. Vielleicht verehren die Franzosen den Bauernsohn aus Limoges auch deshalb so sehr, weil sie wissen, dass er während seiner aktiven Laufbahn von 1961 bis 1976 gegen zwei der wohl besten Radsportler aller Zeiten antreten musste. Kaum hatte der Gegner seiner frühen Profijahre, Jacques Anquetil, seine Laufbahn beendet, betrat ein gewisser Eddy Merckx die Radsportszene und verwies den braven Poulidor nebst übriger Konkurrenz auf die Plätze. Gegen Ende seiner aktiven Zeit konnte er den Kannibalen noch zwei Mal schlagen: 1972 und 1973 gewann Poulidor die Fernfahrt Paris – Nizza. 1974 lieferte er dem Belgier noch einen letzten großen Kampf bei der Tour de France. Nur knapp musste sich der inzwischen 38-Jährige mit Platz zwei begnügen. Der Allrounder hat es trotz all seines Talents nie geschafft, auch nur einen Tag lang im gelben Trikot des Tourspitzenreiters zu fahren. Poulidor ist wohl die tragische Heldenfigur der Tour schlechthin. Der Liebe seiner Landsleute kann er sich bis heute erfreuen. „Poupou“ genießt nach wie vor große Popularität in Frankreich.

Hat man nur eine Liste mit den großen Erfolgen des Joop Zoetemelk vor sich, dann würde man ihn wohl - ohne groß überlegen zu müssen - zur Kategorie der absoluten Siegfahrer zählen. Er war Olympiasieger (100 Kilometer Mannschaftszeitfahren), Straßenweltmeister und er hat die Tour de France gewonnen. Darüber hinaus war er zwei Mal bei Paris-Nizza erfolgreich und hat einmal die Spanienrundfahrt gewonnen. Dennoch ist er auch als einer der großen Zweitplatzierten in die Geschichte des Straßenradsports eingegangen. Denn insgesamt sechs Mal beendete er die Frankreichrundfahrt auf dem zweiten Platz. 1979, Zoetemelk war schon vier Mal auf Rang zwei in Paris angekommen, schien sich sein Traum vom Toursieg endlich zu erfüllen. Er nutzte eine Schwäche des damals dominierenden Bernard Hinault und fuhr sechs Tage im Gelben Trikot. Als am Ende wieder der bissige Bretone in der Gesamtwertung vor ihm lag, haftete endgültig der Ruf des ewigen Zweiten an ihm. 1980, im zehnten Anlauf endlich – und in Abwesenheit des verletzten Hinault – konnte Zoetemelk die Tour gewinnen. Er nahm noch weitere sechs Mal an der großen Schleife teil. 16 Frankreichrundfahrten hat der kleine Holländer somit bestritten, ein Rekord, der bis heute besteht. Bei seiner letzten Tour fuhr er übrigens im Regenbogentrikot des Weltmeisters, das er 1985 im stolzen Rennfahreralter von 38 Jahren gewinnen konnte.

Was die Podiumsplätze bei der Frankreichrundfahrt angeht, so wird vielleicht auch von Jan Ulrich einmal als dem „ewigem Zweiten“ gesprochen werden. Mit seinen vier zweiten Plätzen ist er auf dem besten Weg, zum deutschen Joop Zoetemelk zu werden. Was für den Holländer ein Bernard Hinault war, das könnte für den Deutschen Lance Armstrong werden, ein schier unbezwingbarer Gegner nämlich. Ulrich hat Zoetemelk allerdings voraus, dass er die Tour in frühen Karrieretagen bereits gewinnen konnte. Dem großen Ziel seiner Karriere muss Ullrich nicht über Jahre hinweg nachjagen, er hat es schon erreicht.

Dieses große Ziel nie erreicht hat ein anderer deutscher Radsportstar. Didi Thurau hat sich zwar wahrscheinlich nie den großen Coup zugetraut, die Tour zu gewinnen. Dennoch hat er sich von seiner Karriere sicher mehr versprochen. Sein großer Traum war das Regenbogentrikot. 1977, noch in der Saison seines kometenhaften Aufstiegs als fünffacher Etappengewinner der Tour de France und Fünfter der Gesamtwertung konnte er bei der WM in Venezuela Silber gewinnen. Im folgenden Jahr wollte er unbedingt siegen, denn die Titelkämpfe fanden auf dem heimischen Nürburgring statt. Der 14. Platz, zwei Ränge sogar noch hinter Klaus-Peter Thaler, war ein große Enttäuschung für ihn. Im Folgejahr griff er nochmals nach der Krone, wurde aber im holländischen Valkenburg wieder nur Zweiter. Vielleicht sind diese Enttäuschungen der wahre Grund dafür, dass aus der von vielen prophezeiten großen internationalen Karriere von Thurau dann doch nichts geworden ist. Nicht jeder steckt Niederlagen so gut weg wie ein „Poupou“ oder ein Zoetemelk.

Auch einer, der nun wahrlich kein Verlierertyp ist, darf in der Riege der berühmten Zweitplatzierten nicht fehlen: Erik Zabel. Der zwölfmalige Etappensieger bei der Tour wurde nämlich noch öfter auf den Ehrenplatz verwiesen. Insgesamt 18 Mal fuhr der schnelle Mann als Zweiter über den Zielstrich. Vielleicht ist Zabel auch gerade wegen dieser Niederlagen so populär im Land des unglückseligen Raymond Poulidor.
(ar)

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