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Die Gründe für sportlichen Erfolg oder Misserfolg immer nur bei den Sportlern selbst, bei ihrer Einstellung zu suchen, ist sicher unfair. Nicht immer ist alles möglich, wenn man nur will, so wie es vor allem amerikanische Positivdenker immer wieder predigen. Äußere Umstände, auf die die Sportler nur wenig Einfluss haben, können Karrieren beenden oder ihnen zumindest einen anderen Verlauf geben.
Dass der hoch talentierte irische Radprofi Steven Roche als Einjahressuperstar in die Sporthistorie eingegangen ist, liegt sicher nicht an seiner mangelnden Einstellung als Profi. Der Sieger des „Triplets“ von 1987 - Roche gewann in diesem Jahr die Tour de France, den Giro d’Italia sowie den Titel des Straßenweltmeisters – hatte den größten Gegner in seinem Körper. Schon vor seinem Jahr des Triumphs hatte er mit Knieproblemen zu kämpfen. Außerdem hatte Roches Körper Probleme mit der Aufnahme von Mineralien, was gerade bei einer Ausdauersportart eine nicht eben geringe Rolle spielt. 1988 unterzog sich der gelernte Automechaniker mehreren Knieoperationen. Danach konnte er, obwohl er noch bis in die 90er Jahre Rennen bestritt, nie mehr an seine alten Erfolge anknüpfen. Natürlich traten Kritiker auf den Plan, die dem Iren vorwarfen, nicht ernsthaft genug zu arbeiten oder zu oft den Rennstall gewechselt zu haben. Doch bei Roches Knieproblemen hätte alles Wollen nichts genützt, er konnte einfach nicht mehr heraus holen aus seinem Körper. Immerhin hatte Roche das Glück, dass er zumindest ein Jahr in seiner Karriere beschwerdefrei fahren konnte. Vielen Sportlern, die über großes Talent verfügten, aber nie in irgend einer bedeutenden Statistik aufgetaucht sind, haben gesundheitliche Probleme eine dicken Strich durch alle Karrierepläne gemacht, noch bevor sie richtig durchstarten konnten. Viele dieser Namenlosen werden sich fragen, was wohl gewesen wäre, wenn das Schicksal es besser mit ihnen gemeint hätte. Auch die Sporthistoriker mögen spekulieren, zu welchen Erfolgen ein gesunder Roche imstande gewesen wäre – immerhin war er in der Triplet-Saison erst 27 Jahre alt. Zu einer Lösung werden sie nicht kommen.
Genauso schwer ist die Frage zu beantworten, wie die Siegerlisten der italienischen Heroen und Rivalen Fausto Coppi und Gino Bartali aussehen würden, hätte nicht der Zweite Weltkrieg ihre Karrieren unterbrochen. Zwischen Bartalis erstem Tourerfolg 1938 und seinem zweiten Sieg 1948, liegen zehn Jahre, in denen Europa auseinander genommen und neu zusammengesetzt wurde, kriegerische Jahre, in denen selbstredend die großen Radrennen nicht ausgetragen wurden. Auch zwischen Coppis ersten und zweiten Sieg beim Giro d’Italia lag der große Krieg, in dem er als Infanterist nach Nordafrika geschickt wurde. Je zwei Mal konnten die italienischen Campionissimi die Frankreichrundfahrt gewinnen. Vielleicht wären sie noch öfter erfolgreich gewesen, wenn die weltpolitische Situation, für die die beiden ja nun herzlich wenig konnten, dies zugelassen hätte.
Coppis Karriere ist zudem geprägt von einem außergewöhnlichem Sturzpech. 1943 brach er sich nach einem Trainingssturz das erste Mal das Schlüsselbein. 1950 brach er sich das Schambein, zwei weitere Schlüsselbeinbrüche, Knie- und Knöchelverletzungen, Rückenprobleme, Schädel- und Hüftprellungen zwangen ihn immer wieder ins Krankenbett. Auch sein Tod 1960 nach einer Malaria-Infektion, die er sich bei einer Renn- und Safarireise nach Obervolta zugezogen hatte, kann nicht anders als tragisch bezeichnet werden.
Die Weltpolitik, in diesem speziellen Fall der kalte Krieg, ist auch dafür verantwortlich, dass sich das große Sportidol der DDR, Täve Schur, nie mit den großen Profis der westlichen Welt hat messen dürfen. Seine zwei Weltmeistertitel bei den Amateuren sowie seine zwei Triumphe bei der Friedensfahrt allein sagen wenig aus darüber, ob er sich hätte durchsetzen können im Profilager. Sicher wäre es bei ihm nicht um den Sieg in den großen Rundfahrten gegangen, seine Fähigkeit, extrem lange Sprints zu fahren, hätte jedenfalls spannende Duelle mit den in den 50er Jahren schnellsten Fahrern der Welt, wie den fliegenden Belgiern Rik van Loy und Rik van Steenbergen, garantiert. Auch Schur musste übrigens seine Karriere krankheitsbedingt relativ früh beenden.
Auch durchweg positive Ereignisse im politischen Geschehen, wie der Fall der Mauer, können dazu führen, dass eine Karriere einfach nicht laufen will. All jene, die sich mit der Veränderung nicht nur des politischen Systems, sondern auch des Alltags nach 1989 schwer getan haben, werden kaum Verständnis für die Häme aufbringen können, die über den bemitleidenswerten Uwe Ampler ausgegossen wurde. Radsportdeutschland hatte große Hoffnungen auf den bis zur Wende besten Amateurfahrer der Welt gesetzt, die der Leipziger jedoch nie erfüllen konnte. Von Ampler wurde erwartet, der erste deutsche Toursieger zu werden. Nicht nur damit kam er nicht zurecht, auch der Alltag in seiner neuen belgischen Heimat machte ihm zu schaffen. Ampler ist einfach nicht angekommen in der neuen Weltordnung. Der Weltmeister von 1988 wird nicht nur wegen seiner misslungenen Profikarriere in Erinnerung bleiben, sondern auch als prominenter Ex-DDR-Bürger, der den Systemwechsel nie so recht verkraftet hat.
(ar)
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