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Merkwürdige Geschichten drangen um die Jahrhundertwende über den großen Teich. In des USA gebe es Radrennen, so wurde berichtet, bei denen die Fahrer fast eine ganze Woche lang im Kreis herum fuhren. Für Europäer damals unvorstellbar. Erst im Jahr 1909 fand das erste Sechstagerennen auf kontinentaleuropäischem Boden statt. Die Rennen auf den Winterbahnen, bei denen sich die Sprinter, die zu jener Zeit noch Flieger hießen, gegenseitig über die Bahnen jagten, waren schon lange äußerst populär. Die besten Profis verdienten Richtung gutes Geld. Doch Sechstagerennen galten lange Zeit als Spinnerei. Man wusste den sportlichen Wert der Veranstaltungen nicht recht einzuschätzen, konnte sich einfach nicht vorstellen, wie das möglich sein sollte, dass zwei Fahrer sich über sechs ganze Tagen über eine kleine Holzbahn jagten. Pausen gab es nämlich zu jener Zeit noch nicht. Es wurde durchgefahren.
Als ein gewisser Walter Rütt im New Yorker Madison Square Garden an der Seite 1907 die Sixdays gewann, wurde der Wunsch nach einem Rennen in Deutschland immer lauter. Der Radsportjournalist Freddy Budzinski sorgte für die nötige Aufklärungsarbeit, indem er sich von Rütt genau erklären ließ, wie ein derartiges Rennen ablief.
Schlechte Luft und Nikotinschwaden in der Halle, heutzutage oftmals der Grund, warum die Stars der Straße einen Auftritt auf den Holzbahnen ablehnen, waren schon seinerzeit ein Problem. "Eine Staubbrille habe ich nur abends getragen, wenn im Velodrom viel geraucht wurde", meinte Rütt dazu. Er erläuterte noch die Schwierigkeiten des Ablösens und sprach vom Loch, in das die
Fahrer am vierten Tag fallen würden. Es muss ein hartes Leben gewesen sein. Rütt: "Man lebt eigentlich nur mit der Hilfe des Managers, der einem das Essen in den Mund steckt, der einen wäscht, kämmt umzieht und
badet."
Und dann gab es noch ein Problem in den Anfangsjahren des Sechstagespektakels. Man musste aufpassen, dass man nicht einschläft. Darauf hatten die Manager der Fahrer zu achten, die, so Rütt, "genau wussten, wie schwer es ist, einen Fahrer, der am sechsten Tag einschläft, wieder wach zu bekommen".
Leider konnte der New-York-Sieger Rütt an der ersten Ausgabe des Berliner Sechstagerennens in den Ausstellungshallen am Zoo nicht teilnehmen, weil er sich einst einer Musterung verweigert hatte und ihm
bei der Einreise ins Reich die Verhaftung drohte. Die Favoriten aus den Staaten, das Paar Moran/MacFarland, wurden zunächst gnadenlos ausgepfiffen, was den ersten deutschen Sixdays einen schalen Beigeschmack gab. Nachdem die Amis aber am Ende gewonnen hatten, waren auch die chauvinistischsten Zuschauer bereit, ihre Leistung
anzuerkennen.
„Ist das die Sechstagestimmung?“, fragte sich Radsportreporter Budzinski, als er die Atmosphäre bei Rennende für die Berliner Presse beschrieb. Auch ihre kaiserliche Hoheit Prinz Friedrich Wilhelm war begeistert von der Veranstaltung und erwirkte eine Begnadigung Walter Rütts. Im Jahr darauf begann mit Rütts Sieg endgültig
die Erfolgsgeschichte der Berliner Sixdays.
In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde in Berlin nicht nur das Mitpfeifen beim sogenannten Sportpalastwalzer erfunden, die Sechstagebahnen schossen andernorts wie Pilze aus dem Boden. Die zu jener Zeit gegründeten Sixdays in Stuttgart und Dortmund sind bis heute nicht wegzudenken aus dem Rennkalender. Nach dem Krieg etablierten sich die Veranstaltungen in München und Bremen. Jedes Jahr aufs Neue wird zwischen den verschiedenen Veranstaltern ein kleiner Wettbewerb ausgetragen, in dem es darum geht, wem es wohl gelingt, die meiste Straßenprominenz zu einem Start auf der Bahn zu überreden. Unvergessen sind die Auftritte eines gewissen Eddy Merckx in den 70er Jahren. An der Seite seines belgischen Landsmannes Patrick Sercu gewann er sage und schreibe 15 Sixdays. Der Kannibale war eben auch auf der Bahn unersättlich.
Doch die Rennen in den großen Hallen lebten nicht nur von den Stars der
Freiluftsaison. Die Sixdays, haben ihre eigenen Helden hervorgebracht. Eben jener Patrick Sercu ist einer davon. Jahrelang galt er als unumstrittener Herrscher der Winterbahnen. 88 Siege mit den unterschiedlichsten Partnern hat er errungen, was ihm überaus große Autorität verschaffte. Er war es, der die Hackordnung im Fahrerfeld festlegte, er war es, mit dem die Veranstalter über Gagen und das
Rennprogramm sprechen mussten und er war es, der die Massen anlockte.
Der Australier Danny Clark ist auch einer dieser Sixdays-Superstars. 74
Mal trug er sich in die Siegerliste ein. Das letzte Rennen gewann er im beinahe schon biblischen Alter von 46 Jahren. Doch die Fans liebten den schnellsten Sohn Tasmaniens nicht nur wegen seiner Pedalritte, sie
jubelten ihm auch als Entertainer zu. Denn nicht selten kam es vor, dass sich Clark das Mikro der Showband in der Halle griff und selbst losträllerte. Er war wohl die Personifizierung des Sechstagegedankens,
Showmaster und Spitzensportler in einem.
Auch wenn diese beiden ihre Karrieren längst beendet haben, werden sich die Sechstagearenen. jedes Jahr aufs Neue mit den Radsportanhängern füllen. Familienveranstaltungen und Kindernachmittage bringen immer wieder neues Publikum in die Hallen. Es wird sie wohl immer geben, jene ganz spezielle Sechstagestimmung, von der Fredy Budzinski schon 1909 schwärmte. Und wer einmal ein Sechstagerennen besucht hat, gehört hat,
wie die Zuschauer beim berühmten Sportpalastwalzer mitpfeifen, der wird
diese Hymne des Radsport noch lange in den Ohren klingen hören.
(ar)
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