Profi-Radsport

Das größte Rennen der Welt

Die Tour de France

Ein Hochverratsprozess, der Auflagenkampf zweier Sportzeitungen und ein geschäftstüchtiger, literarisch ambitionierter Journalist standen am Anfang eines Radrennens, das sich nicht nur zum schwersten Rundrennen der Welt entwickeln sollte, sondern zum größten Sportereignis neben den Olympischen Spielen und der Fußball-Weltmeisterschaft überhaupt: die Tour de France.

Die Affäre um den 1895 zu Unrecht wegen Hochverrats verurteilten Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus spaltete Frankreich in zwei Lager, die sich unversöhnlich gegenüberstanden. Der Konflikt erfasste auch den Sportjournalismus. Pierre Giffard, ein einflussreicher Journalist, war von der Unschuld Dreyfus’ überzeugt und kritisierte in seiner Zeitung Petit Journal den Prozess immer wieder heftig. Zugleich war Giffard der Herausgeber von Le Vélo, der größten französischen Sportzeitung. Die konservativen und antisemitischen Anzeigenkunden aus der neuen Fahrrad- und Autoindustrie wandten sich wegen dessen Pro-Freyfus-Haltung von Giffards Vélo ab und gründeten schließlich selbst eine neue Zeitung: L’Auto-Vélo, die sich nach einer Titel-Plagiatsklage von Giffard nur noch L’Auto nannte.

Chefredakteur der neuen Zeitung mit Schwerpunkt Radsport wurde Henri Desgrange, ein ehemaliger Radsportler und Rennbahnmanager. Desgrange hatte die Möglichkeiten des Radsports früh entdeckt und ihn als Sensation inszeniert, als einen unerbittlichen Kampf zwischen Extremsportlern: Der Radmarathon Paris–Brest–Paris etwa über 1196 Kilometer nonstop war eines dieser Ultrarennen, die Desgrange organisiert hatte. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte ein L’Auto Reporter namens Geo Lefèvre eine neue, verwegene Idee: eine Frankreichrundfahrt. Vorbild dafür waren die damals äußerst populären Sechstagerennen. Analog zu den Massenspektakeln auf der Bahn sollten in sechs Tagen alle größeren französischen Städte angesteuert werden.

Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang im Sattel

Die erste Schleife durch Frankreich führte vom 1. bis zum 19. Juli 1903 über 2428 Kilometer und hatte Lyon, Marseille, Toulouse, Bordeaux, Nantes und Paris als Etappenzielorte. 60 Fahrer waren dem Aufruf Desgranges gefolgt und nahmen für ein Preisgeld von insgesamt 20.000 Francs die strapaziöse Etappenfahrt in Angriff. Eine Etappe war durchschnittlich 400 Kilometern lang, gefahren wurde von Sonnenaufgang bis in die Nacht. Desgranges rasender Reporter Lefèvre war für die Berichterstattung verantwortlich, der Chef selber machte in der Pariser Redaktion Heldenepen daraus. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Während der ersten Tour verdoppelte sich die L’Auto-Auflage von 30.000 auf 60.000 verkaufter Exemplare. Sieger der Premierenfahrt wurde der Franzose Maurice Garin, der für die mehr als 2.400 Kilometer ungefähr 94,5 Stunden benötigte. Sein Vorsprung auf den Zweiten betrug zwei Stunden 49 Minuten und 45 Sekunden; der größte in der Geschichte der Tour de France.

Das folgende Jahr sah die junge Tour schon am Abgrund. Die ausgeschriebenen Prämien hatten bei den Fahrern Begehrlichkeiten geweckt und fast schon kriminelle Energien freigesetzt: Angesägte Rahmen, zerschnittene Bremszüge, Juckpulver in den Trikots, Nägel auf den Straßen, Radprofis, die von Autos in den Straßengraben gedrängt wurden und sogar vergiftete Nahrungsmittel machten schon die zweite Austragung der Rundfahrt zu einer Skandaltour. Zudem forderten die überlangen Etappen von 450 Kilometern und mehr Betrug geradezu heraus. Die ersten Vier der Gesamtwertung mussten disqualifiziert werden, unter ihnen auch der erneute Sieger Garin. Sie waren dabei beobachtet worden, wie sie sich von Autos ziehen ließen oder mit der Eisenbahn fuhren. Die Tour de France hatte ihre ersten Skandale und schien auch nach Ansicht Desgranges am Ende zu sein.

“Ihr verdammten Mörder“

Aber auch diese schlechten Nachrichten wurden vom Publikum verschlungen, und im nächsten Jahr stand die dritte Tour de France auf dem Programm. Das Spektakel hatte sich durchgesetzt. Und in beinahe jedem Jahr kam eine neue Sensation mehr hinzu.1905 standen elf Etappen auf dem Programm, 1906 waren es schon 13. Die Strecke wurde auf rund 3.000 Kilometer verlängert. Im Jahre 1910 entdeckte die Tour das Gebirge. Ohne Gangschaltung quälten sich die Radprofis den 2.115 Meter hohen Pyrenäengipfel Tourmalet hinauf. Der erste Fahrer, der völlig entkräftet den Gipfel erreichte, schleuderte den wartenden Organisatoren ein „Mörder, ihr verdammten Mörder“ entgegen. Das Publikum im ferne Paris verschlang diese Leidensgeschichten, welche die Tour erst zum Mythos machten. Die Auflage von L’Auto stieg und stieg.

Im Jahr darauf standen schon die Alpen auf dem Programm. Damit war die Frankreichrundfahrt endgültig zum schwersten Radrennen der Welt geworden. Desgranges als Mentor und literarischer Begleiter der Tour hatte immer neue Ideen, um sein Produkt noch populärer zu machen. Im Jahr 1919 trug der Spitzenreiter erstmals ein gelbes Trikot, das Maillot Jaune; 1926 wurde die Strecke auf unglaubliche 5.745 Kilometer ausgedehnt; und ab dem Jahr 1930 fuhr dem Fahrerfeld, dem Peloton, eine Werbekarawane zur Unterhaltung der rund 10 bis 15 Millionen Zuschauer am Wegrand und zur Steigerung der Einkünfte der Veranstalter voraus. Die Tour entwickelte sich zu einer Geldmaschine. Im Jahr 1946 wurde aus L’Auto die Sportzeitung L’Equipe, und bis heute sind die Artikel über die Tour Schwerpunkt der Berichterstattung der bekanntesten Sportzeitung der Welt.

Durch Leiden zum Helden

Prestige und Geld spielten die ausschlaggebenden Rollen dafür, dass jeder Radprofi, der etwas auf sich hielt, die Tour fuhr. Fahren musste. Und nur der wurde zu einem wahren Radchampion, der sich in die Siegerlisten der Tour de France, der großen schleife durch Frankreich, eintragen konnte. Dazu zählten die Italiener Fausti Coppi und Gino Bartali ebenso wie die fünffachen Triumphatoren Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain.

Die Stars der Tour bekamen poetisch-martialische Attribute verpasst: Anquetil war „Monsieur Chrono“, der Spanier Federico Bahamontes wurde zum „Adler von Toledo“, der beste Radrennfahrer aller Zeiten, der Belgier Eddy Merckx, war nicht zuletzt wegen seiner 34 Etappensiege der „Kannibale“, Miguel Indurain „der Mörder mit den sauberen Händen“.

Die Deutschen spielten lange Zeit nur Nebenrollen, wenn es um Siege ging. Rudi Altig gelang es im Jahr 1962, im grünen Trikot des Punktbesten – Auszeichnung für den besten Sprinter im Feld – auf die Champs Elysees, die traditionelle Zielankunft in Paris, zu fahren.

Bei der Tour des Jahres 1977 sorgte der Frankfurter Dietrich Thurau, „Didi“ genannt, für eine wahre Radsporteuphorie in Deutschland, als er 15 Tage lang im Gelben Trikot fuhr und die Tour als Fünfter beendete. Noch übertroffen wurde der Trubel um einen Radfahrer im Jahr 1997, als der erst 23jährige Jan Ullrich mit großem Abstand als erster und bisher einziger Deutscher die Tour de France gewann. Trotz wurde ihm, dem „Jahrhundertalent des Radsports“, in den darauf folgenden Jahren das zweifelhafte Attribut „ewiger Zweiter“ zuteil, weil ein Mann die Szene betrat, der dem Mythos Tour eine weitere Facette verlieh: Der Amerikaner Lance Armstrong kehrte im Jahr 1999 nach der Genesung von einer Krebserkrankung in den Profiradsport zurück und gewann sofort die Tour. Seitdem gab es nur einen Gesamtsieger: Lance Armstrong. Der Amerikaner gewann 2004 als erster Radprofi überhaupt die Tour de France zum sechsten Mal und wurde selber zu einem Mythos.

Ständige Begleiterscheinung der Tour: Doping

Doping begleitete von Anfang an das größte und schwerste Radrennen der Welt. Die Fahrer schluckten alles, was irgendwie eine Leistungssteigerung oder eine Schmerzlinderung versprach: Cognac, Bier, Wein, Sekt, Koffein, aber auch Chloroform, Kokain und Nitroglyzerin. Später kamen die „Errungenschaften“ der modernen Industriegesellschaft dazu: Wachstumshormone, Anabolika, EPO. Das erste Doping-Todesopfer forderte die Tour im Jahr 1967, als der Engländer Tom Simpson am berüchtigten Mont Ventoux bei glühender Hitze völlig entkräftet vom Rad fiel und wenig später starb. In seinen Taschen fanden sich Aufputschmittel, Schmerztabletten und Spirituosen. Der Tod Simpsons änderte wenig an der Einstellung und dem Verhalten vieler Fahrer. Doping entwickelte sich zu einem ständigen Begleiter der Tour und des Radsports überhaupt.

Erst nach der Tour de France 1998, als die französische Polizei bei Razzien im Fahrer ganze Dopinglager ausheben konnte und die Leitung der Tour mit der Disqualifikation der betroffenen Fahrer und Teams reagierte, setzte ein Umdenken ein. Bis heute ist allerdings der Kampf gegen das Doping noch nicht gewonnen. Dem Mythos Tour haben allerdings auch die Dopingskandale das keinen Abbruch getan. Die Geschichte des größten Radrennens der Welt wird weiter erzählt. (mas)