Profi-Radsport

Jubel beim Bahn-Vierer: Rotkäppchen auf Goldfuhre

19.09.2000 - Berlin/Erfurt (dpa) - Als die «goldenen Jungs» in Sydney schon ausflippten, erwiesen sich die Väter des Erfolgs in der Heimat noch als stille Genießer. Die «Macher» des Bahn-Quartetts haben den vom Fabel-Weltrekord gekrönten Triumph des Vierers mit Guido Fulst, Robert Bartko (beide Berlin) sowie Jens Lehmann (Leipzig) und Daniel Becke (Erfurt) eher ruhig in kleiner Runde gefeiert und mit ostdeutschem Rotkäppchen-Sekt begossen.

«Hier in Thüringen und Berlin ist dieser Erfolg geschmiedet worden, aber ich kann ihn leider nicht so richtig genießen», sagte der Erfurter Trainer Jens Lang, der im Team Köstritzer sowohl Becke als auch den zweifachen Medaillen- Gewinner Lehmann vorbereitet hat.

«Ich warte auf einen noch wichtigeren Anruf. Ich soll heute nämlich Vater werden», erklärte Lang seine Nervosität. Verständlich, dass dem jungen Trainer jeder Trubel zu viel war, jedes Handy- Klingeln ließ ihn nervös zusammenzucken. Den Olympiasieg hatte er als Co-Kommentator im MDR-Radio erlebt. «Das war mehr als super. Wir werden jetzt wohl viele Jahre üben müssen, um solch eine Vierer- Leistung zu wiederholen, wenn Robert Bartko auf die Straße wechselt. Aber die Talente haben wir», zeigte er sich zuversichtlich.

Das weiß auch der Berliner Uwe Freese, unter dessen Regie Bartko und Fulst in die Form für die Goldmedaillen gebracht wurden: «Ich hatte schon nach dem Einzel-Wettbewerb vorhergesagt, dass der Vierer unter vier Minuten fahren kann.» Erleben wollte er das ungestört zu Hause, nicht einmal das Telefon durfte stören. Bei seinen Mitstreitern im SC Berlin stieg dagegen in Abwesenheit des Chefs eine spontane Fete. Aus allen Abteilungen des Erfolgs-Vereins waren sie in das Büro gekommen, jubelten und füllten die Gläser.

Auch die Eltern des nunmehr zweifachen Olympiasiegers Robert Bartko hatten die Telefone abgeschaltet und sich ins Private zurückgezogen. «Wir haben extra Urlaub genommen, um Roberts große Stunde am Bildschirm mitzuerleben. Nach Sydney zu fahren, das wäre teuer geworden.» Jens Lehmanns Frau Gaby hatte Muße, mit den Kindern Florian (3) und Anna (1) den großen Auftritt im Fernsehen zu genießen: «Heute hat uns auch die Presse in Ruhe gelassen, und die beiden Kleinen haben mitbekommen: Da ist der Papa - und der fährt ganz schnell.»

Die ganz große Feier ist aber nur aufgeschoben. Werner Otto, der als Olympia-Zweiter von 1972 und Tandem-Weltmeister selbst das Gefühl des Erfolges zur Neige ausgekostet hat und früher Trainer von Fulst und Bartko war, will möglichst alle Beteiligten für nächste Woche zu einer großen Gartenparty einladen. «Nach dem Unfall von Robert im Frühjahr habe ich anderthalb Monate Spezialtraining mit ihm im Erzgebirge und hier in Berlin gemacht. Es war einfach Klasse, mitzuerleben, wie er mit großem Selbstbewusstsein wieder nach dem Schlüsselbeinbruch den Anschluss gefunden hat», meinte er.

Otto hatte Guido Fulst bereits 1992 auf dessen ersten Olympiasieg vorbereitet. Auch der jetzt in Sydney agierende Bundestrainer Bernd Dittert war von Otto zum Bahnweltmeister geformt worden. Der agile Mittfünfziger und jetzige Besitzer eines Radgeschäftes macht immer noch eine gute Figur auf der Rennmaschine und fährt sogar das Training seiner Schützlinge mit. Werner Otto schmunzelt und verrät: «Heute bin ich extra ganz früh meine Trainingskilometer gefahren, um rechtzeitig zurück zu sein. Das hat sich gelohnt.»

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