Profi-Radsport

Deutschland-Rundfahrt ohne Ullrich

28.05.2001 -

Berlin/Hamburg (dpa) - Die Deutschland-Tour muss im dritten Jahr nach ihrer Wiederbelebung auf eigenen Beinen stehen - und ohne den Publikums-Magneten Jan Ullrich über die Runden kommen. Während der Olympiasieger beim Giro d`Italia auf der Suche nach seiner Form für die Tour de France ist, übernehmen beim Heimspiel über insgesamt 1236 km drei andere Telekom-Fahrer die Führungsrolle im Team.

«Winokurow, Bölts oder Klöden können die Rundfahrt gewinnen, Zabel spekuliert auf Etappensiege», umriss Team-Manager Walter Godefroot einen Tag vor dem Start der Acht-Etappen-Fahrt in Hamburg seine Erwartungen. Routinier Udo Bölts, im Vorjahr Gewinner der «Königsetappe», zählt sich selber, bescheiden wie immer, nicht zum Kreis der Sieganwärter: «Mein Topfavorit heißt Alex Zülle. Er ist ein sehr guter Zeitfahrer, und das könnte entscheiden.» Der Schweizer, 1998 einer der Hauptdarsteller des Doping-Skandals bei der Tour de France, steht unter besonderem Druck seines Teams Coast. Die neue zweite deutsche Erstliga-Mannschaft hatte einen schlechten Start in ihre erste Saison: Bisher steht nur ein Etappensieg Zülles bei Paris-Nizza auf dem Erfolgskonto. Ganz anders schlugen die schlechten Nachrichten ins Kontor: Nicht-Nominierung zur Tour de France und der Doping-Fall des Schweizers Roland Meier.

So schwer der Gesamtsieg zu prognostizieren ist, um den auch der Niedersachsen-Rundfahrt-Sieger Grischa Niermann (Hannover), Tobias Steinhauser (Scheidegg) und eventuell Michele Bartoli (Italien) mitfahren, so klar ist die Lage bei den Sprintern. Auf dem Weg zur optimalen Tour-Form hat sich der Weltcup-Gewinner Erik Zabel (Unna) durch vier Etappensiege bei der Bayernrundfahrt empfohlen. Auch wenn die Deutschland-Rundfahrt vor der Frankreich-Generalprobe Tour de Suisse nur Durchgangsstation ist, dürfte auf den gebürtigen Berliner wie immer Verlass sein. Die Veranstalter bauen auf ihn als Lokalmatador, der Ärger der Ullrich-Absage ist langsam verraucht.

Die Tour von Hamburg nach Stuttgart, wo der Gesamtsieger am 4. Juni gekürt wird, soll den Telekom-Verantwortlichen auch Fingerzeige auf die Besetzung für den Saisonhöhepunkt in Frankreich geben. Sollten die für die Tour de France «gesetzten» Fahrer gesund bleiben, dürfte nur noch ein freier von neun Plätzen zur Disposition stehen. Um den bewerben sich Rolf Aldag (Ahlen), Jens Heppner (Gera) und Bölts (Heltersberg). Neben Ullrich und Zabel dürften auch Alexander Winokurow (Kasachstan), Andreas Klöden (Cottbus), Kevin Livingston (USA), Giuseppe Guerini, Gian-Matteo Fagnini (beide Italien) und Steffen Wesemann (Wolmirstedt) als sichere Tour-Starter feststehen.

«Die Entscheidung fällt noch vor den deutschen Meisterschaften Ende Juni in Bad Dürrheim», sagte Godefroot, der sich über die derzeit bescheidenen Vorstellungen des einstigen Lance Armstrong- Helfers Livingston beim Giro keine Sorgen macht. «Er war immer zur Tour topfit. Davon gehe ich wieder aus», erklärte Godefroot vor Beginn der Deutschland-Tour, die im Vorjahr der Spanier David Plaza vor Klöden gewann und die wieder über einen Gesamtetat von über fünf Millionen Mark verfügt.

Die schwierigsten Passagen der einwöchigen Rundfahrt verteilen sich auf die ersten drei Juni-Tage: Die längste Etappe führt von Bad Neustadt/Saale nach Mannheim über 239 km, das Einzelzeitfahren über 27 km von Weinheim nach Heppenheim und die «Königsetappe» von Offenburg durch den Schwarzwald nach Freudenstadt. Auch die vier Bergprüfungen schrecken Bölts dabei nicht: «Die Etappe ist nicht so schwer wie manche vielleicht denken.»

Live-Ticker