Wagners Tour-Tagebuch

"...so gehe auch mal gar nicht!"

Von Robert Wagner und Sebastian Paddags

Foto zu dem Text "
Robert Wagner (LottoNL-Jumbo) | Foto: Cor Vos

11.07.2017  |  (rsn) - Ich kaufe ein "R“ und möchte lösen: Ruhetag! Getreu dem Motto der bereits zitierten alten Chinesen "Wenn Du schnell ans Ziel willst - so gehe langsam!“ habe ich heute (Montag) versucht, die Kernaussage dieser Lebensweisheit noch zu toppen und interpretierte den schlauen Spruch auf meine eigene Weise. In der "Wagnerrechten“ liegend muss das nämlich heißen: "Willst Du in Paris zum Ziel - so gehe auch mal gar nicht!“.

Dementsprechend war mein Bewegungsradius rings ums Hotelzimmer heute echt nicht größer als 200 Meter und ich habe quasi zu 110 Prozent ruhig gemacht. In Absprache mit dem Team-Doc sollte ich heute ausnahmsweise mal das Rad stehen lassen, damit sich meine Sitzprobleme bestmöglich auflösen können. Ich verbrachte also 90 Prozent des Tages in meinem Hotelzimmer und widmete mich der intensiven Körperpflege und der Regeneration in horizontaler Lage. Eine schöne, ausgiebige Massage gab es da natürlich auch.

Eigentlich soll man das ja nicht so machen, da der Körper immer ein bisschen Bewegung braucht, um nicht zu denken, er hätte Feierabend - aber angesichts meiner Situation war das einfach nötig. Sollte mein Körper also nun vorzeitig den Ruhestand einläuten, muss ich ihn morgen eben wieder davon überzeugen, dass er die Beine im Laufe des Tages frei bläst.

Wenn ich da übrigens ein komplettes Jahr zurück denke, stehe ich heute mit dieser Lösung auch deutlich besser da, denn vor Jahresfrist gab es den ersten Ruhetag in Andorra und am Folgetag ging es ab der Startlinie 23 Kilometer am Stück Berg auf bis zum "Dach der Tour“. Morgen hingegen ist es, wenn auch etwas wellig, weitestgehend flach und somit schon eher Wagner-freundlich.

Das einzige Problem könnte werden, dass alle nach dem Ruhetag wieder so hot sind, dass die erste Stunde alles andere als friedlich wird. Aber auch hier gilt: wenn man sich drauf einstellt, wird es irgendwie gehen. Und genau das gilt an sich auch für die komplette Tour. Natürlich sind die Beine letztlich entscheidend, ob man vorwärts kommt - oder ob nicht. Aber ohne die richtige Einstellung im Kopf wird das ganze Unternehmen trotzdem nichts. Es ist ja sogar so, dass man heute denkt: "Ein Glück ist Ruhetag. Noch eine Etappe wäre echt nicht gegangen!“ Aber wenn heute noch mal eine Etappe gewesen wäre, hätte man es trotzdem geschafft, weil man sich eben mental ganz anders darauf eingestellt hätte. Man darf hier einfach nie aufgeben und ich finde, das ist auch eine der besten Lehren für das ganze Leben. Never give up!

Neben einigen obligatorischen Presseterminen mit dem Team habe ich heute unter anderem auch ausgiebig mit meiner Tochter Juli und meiner Freundin Katrin sowie der Familie in Magdeburg telefoniert. Solche Telefonate sind für mich sehr wichtig und geben mir Kraft für die kommenden Aufgaben.

Ansonsten ist die Stimmung bei uns im Team sehr gut und die Moral trotz der beiden Ausfälle von Robert Gesink und Jos van Emden ungebrochen. Unser Ziel bleibt ein Etappensieg mit Dylan Groenewegen im Sprint und auch die Gesamtwertung - George Bennett - ist momentan vielversprechend. Allerdings muss ich auch sagen, dass die Abwesenheit von Jos und Robert auch deshalb spürbar ist, da die beiden immer für gute Stimmung am Tisch gesorgt haben.

Unser Hotel teilen wir uns hier aktuell mit dem UAE Team Emirates und ich bin ganz zufrieden mit unserer Herberge. Es gab nämlich auch schon Hotels, die sich als weniger erholsam in der Erinnerung eingebrannt haben. Teilweise machst Du da kein Auge zu.

Wenn es ums Schlafen geht, sind wir im Team LOTTO NL Jumbo übrigens auch ohne Hotel definitiv ganz weit vorne, denn wir haben unsere eigenen Matratzen dabei. Unser Sponsor M Line hat uns komplett mit Matratzen und Bettzeug ausgestattet, so dass jeder Fahrer ein Bett dabei hat, welches komplett auf seine Bedürfnisse abgestimmt ist. Zu Hause habe ich auch die gleiche Matratze und ich finde, es macht schon wahnsinnig viel aus, wenn man unter gewohnten Bedingungen wie daheim schlafen kann. All diese kleinen Details können am Ende über "Paris oder Prag“ entscheiden.

Zur Feier des Tages gab es bei mir heute auch mal ein paar Haribos und Ihr glaubt gar nicht, wie gut die an einem solchen Tag schmecken.

Unseren Freund Titi Voeckler habe ich natürlich am Ruhetag nicht treffen können, aber ich denke, er wird sich in Woche zwei nun auch wieder öfter zeigen. Man munkelt, dass er morgen einer der ersten sein könnte, der angreift.

In diesem Zusammenhang habe ich heute auch noch was lustiges über Thomas "the Moped“ De Gendt gelesen: Er ist wohl mit seiner Performance während der ersten Tour-Woche noch nicht so zufrieden und will unbedingt noch mehr von seiner Leistung abrufen. Das sind wahre Probleme!

Morgen rollt der Tross weiter und wie schon gestern erwähnt, sind wir ja in der Dordogne. Vorhin haben Paddi und ich noch mal über unsere lokalen Rennerfahrungen philosophiert und festgestellt, dass wir hier sogar zwei Mal zur gleichnamigen "Tour de la Dordogne" waren. Beim ersten Mal sind wir viel zu spät angereist, weil wir zunächst ins falsche Perigueux gefahren waren und beim zweiten Mal ging unser Teambus auf dem Hinweg kaputt, so dass wir dann eben ohne Sportlichen Leiter und Mechaniker im PKW zu fünft anreisten.

Bei letzterer Aktion mussten wir uns die ersten Tage des Rennens komplett um alles selbst kümmern und waren auch selbst für das Rennen einkaufen und so weiter. Wir wissen beide noch, als wäre es gestern gewesen, dass wir damals im Supermarkt Apfelmus in kleinen Tuben gekauft haben und uns die im Rennen ins Trikot steckten. Das war die beste Rennverpflegung ever!

Ebenfalls legendär ist die Szene, bei der ich nach einer der Etappen in meiner damals schon beliebten "Wagnerrechten“ im Bett lag und Paddi mir die Gesamtwertung der damals auch parallel laufenden Tour de France vorlas. Er las immer den Nachnamen der Rennfahrer vor und ich sagte ihm dazu den Vornamen und das Team. Alles aus dem Kopf natürlich, denn an Smartphones oder sowas war damals noch nicht zu denken. Wirklich irre, dass das alles schon 13 Jahre her ist und wir nun tatsächlich selbst bei der großen Tour dabei sind. Damals hätten wir das wahrscheinlich nicht geglaubt! Ich hatte übrigens 180 von 200 Namen und Teams korrekt…

Wisst Ihr auch noch, was Ihr vor 13 Jahren im Juli so erlebt habt? Falls ja - und falls das auch in der Dordogne stattfand, lasst es uns wissen...

Morgen aber bitte wieder die Daumen Drücken und die Balustraden festhalten. Es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gesprintet!

Wagi & Paddi

PS: Wir freuen uns sehr, dass Ihr alle so viel Spaß beim lesen des Blogs habt. Wenn ihr mögt, schaut Euch doch mal Paddi s Buch über die Tour im letzten Jahr an - das wird Euch definitiv auch gefallen. Wagi kommt dabei natürlich auch nicht zu kurz. "DNF - Dienstreise Nach Frankreich“ ist pünktlich zum Tourstart 2017 erschienen und es werden 5€ je verkauftem Buch an den deutschen Radsport-Nachwuchs gespendet.

Alle Infos unter: www.dienstreise-nach-frankreich.de

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