Wagners Tour-Tagebuch

Gesichtslähmung dank "Google Maps"

Von Robert Wagner und Sebastian Paddags


Robert Wagner (LottoNL-Jumbo) | Foto: Cor Vos

17.07.2017  |  (rsn) - Heute weiß ich schon wieder gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich liege hier grade auf dem Rückweg von der Etappe zum Hotel auf'm Boden unseres Teambusses und mache mich lang. Inzwischen kennt Ihr ja die "Wagnerrechte“ schon - sie hat sich bereits vielfach bewährt in den letzten beiden Wochen! Und in Situationen wie der aktuellen ist das hier auf jeden Fall der beste Platz - es sei denn, einer Deiner Teamkollegen läuft mit einem Grinsen über dich drüber, so wie eben der Herr Roglič!

Nun aber zum Rennen: Du merkst definitiv, dass dieser Tourblog sich inzwischen auch als inoffizielles Kommunikationsmittel zwischen vielen Teams etabliert hat, wenn Simoni (Simon Geschke) innerhalb der Neutralisation von selbst zu Dir kommt und Dir folgenden freundlichen Hinweis gibt: "Heute musste in die Gruppe, Wagi!“

Wer den Text von gestern gelesen hat, weiß, wie er das meint. Ich hatte mich zwar, so wie viele andere auch, auf der Rolle warmgefahren, da ich diesem Tag ein hohes Potenzial an Laktatüberschuss zutraute. Aber in die Gruppe gehen, ich? Haha..Never! Kurz nach dem Start machte sich dann natürlich die erste Gruppe auf den Weg und ich staunte nicht schlecht, wer sich da heute hinein "verirrt“ hatte. Sibi (Marcel Sieberg) hat das ganz clever angestellt und hat sich mit den anderen acht Halunken schön vor dem ersten Berg davongestohlen. Die Jungs hatten auch relativ schnell 1:30 Minuten Vorsprung und ich begann regelrecht neidisch zu werden auf Sibi. Da hatte er wohl alles richtig gemacht und sich schön die Pole-Position vor der Bergwertung gesichert.

Allerdings waren nicht alle so happy mit dieser Gruppe, wie es Sibi wahrscheinlich in dem Moment war: Trek-Segafredo hatte mit Mollema andere Pläne und tatsächlich  wollten auch wir heute jemanden wie Roglič vorne haben.

Insofern geschah bei den bereits erwähnten 1:30 Minuten Rückstand etwas, das ich früher in der Schule immer cool fand, weil es endlich mal Action in den Chemieunterricht brachte: Es gab die sogenannte Knallgasprobe. Dass sich meine Begeisterung hinsichtlich dieser akuten Geschwindigkeitsexplosion HEUTE eher in Grenzen hielt, muss ich jetzt sicherlich nicht extra erwähnen, oder?

Freunde, wir sind so dermaßen in diesen ersten Berg reingeballert, dass mir jetzt beim Erzählen noch davon schlecht wird: Akute Laktatvergiftung…voll selbst die Fresse poliert…komplett am Limit…Ich hätte mich wegen mutwilliger Körperverletzung eigentlich selbst anzeigen müssen! Sowas habe ich wirklich selten über mich ergehen lassen!

Und wem hatten wir das alles zu verdanken? Unserem lieben Michael Gogl aus Österreich. Der ist nämlich Teamkollege von Bauke Mollema bei Trek-Segafredo und hatte wahrscheinlich heute genau eine Aufgabe: "Sorge dafür, dass Bauke in die Gruppe kommt, egal wie!“ Ich würde sagen, diese Aufgabe hat er zu 300 Prozent erfüllt und der Etappensieg von Bauke, der übrigens ja auch mal mein ehemaliger Teamkollege war, geht mindestens zu 50 Prozent mit auf sein Konto.

Michael Gogl war im letzten Jahr noch Teamkollege von Peter Sagan bei Saxobank und hat seit dem auch einen schönen Spitznamen. Bei einer kleineren Rundfahrt wurde er nämlich zur Teamvorstellung mal von Peter Sagen folgendermaßen vorgestellt: „…and this is Michael Gogl, we call him Google Maps“. Der Google Maps hatte mir also heute die härteste Gesichtslähmung aller Zeiten verpasst und ich kann jetzt nicht unbedingt sagen, dass ich ihn dafür in dem Moment mochte.

Allerdings - und das ist viel wichtiger: Durch diese Aktion, bei der Mollema und andere Fahrer noch nach vorne fahren konnten, hat es auch unser Primož Roglič noch mal nach vorne geschafft und wir hatten somit das, was wir eigentlich wollten - Primož in der Gruppe. Ich habe dazu aber auch noch eine andere Theorie: "Google Maps" und Dege (John Degenkolb) sitzen laut Dege regelmäßig hinten im Trek-Teambus und "Google Maps" liest ihm dann immer unser Tagebuch hier vor. Er ist also ein großer Fan und wollte wahrscheinlich einfach nur einmal auch die Chance haben, dass er hier ganz groß zur Sprache kommt. Heute hast Du es geschafft, lieber Michael - schöne Aktion und natürlich auch Glückwunsch zum Etappensieg. Ich hoffe, der Bauke gibt Dir dafür noch ein bis zwei Bier aus. Schließlich ist ja Ruhetag.

Wie Ihr Euch denken könnt, hat es mich am ersten Berg also ordnungsgemäß abgestellt und ich hatte zum Glück aber recht schnell eine kleine, feine Gruppe, in welcher alle Mitfahrer kurzzeitig mal den Googler verfluchten. Zum Glück konnten wir von hinten sehen, dass bei etwa Kilometer 30 das Team Sky die Kontrolle übernommen hatte und dass es somit nun wahrscheinlich deutlich homogener werden würde.

So kam es also, dass wir uns noch mal einen Ruck gaben und tatsächlich bei Kilometer 38 wieder im Feld landeten. Ich hatte regelrechte Freudentränen in den Augen, denn es waren ja noch knapp 145 Kilometer zu fahren. Ich durchlebte also heute auf den ersten Kilometern nicht nur eine wahre Achterbahn hinsichtlich der Strecke, sonder auch ein Auf und Ab der Gefühle. Ich möchte mich an dieser Stelle daher noch mal bei Kneesi (Christian Knees) und dem Team Sky bedanken, dass sie da so schön kontrollierten.

Blöderweise gab es nach der ersten Bergwertung aber keine Abfahrt und wir hunzelten oben auf so einem Plateau weiter durch die Gegend. Das ganze lief dann bis zur nächsten Bergwertung der 3. Kategorie (bei Km 43) so und auch hier mussten wir noch mal voll ans Limit, um den Tag zu überleben.

Bei all dem Stress heute ist es mir doch tatsächlich nicht in den Sinn gekommen, dem lieben Gringo (André Greipel) zum Geburtstag zu gratulieren. Ich hoffe, er verzeiht mir und nimmt diese nachträgliche Gratulation jetzt hier an. André, alles Gute! Aber ich denke, auch das Geburtstagskind hatte mit den ersten 40 Kilometern heute das wohl schönste Geschenk aller Zeiten und hätte sich gar nicht richtig freuen können.

Wer sich zweifelsohne auch nichts geschenkt hat heute, waren die Jungs, die vorne in der großen Gruppe saßen. Die haben sich auf jeden Fall schön gegenseitig penetriert und wenn ich sehe, wie Tony (Martin) da auch noch mal seine Attacke gesetzt hat, dann kann ich nur meinen Hut ziehen. So stark sind sicher nicht viele, dass sie eine solche Gruppe einfach mal "spontan“ so stehen lassen können. Auch wenn der letzte Berg sicherlich viel zu steil und zu schwer für Tony war, so war das eine ganz beeindruckende Vorstellung, bei der er seinen Sponsor Katusha Alpecin super präsentierte. Für das Zeitfahren in der letzten Woche können wir also auf einen schnellen Zeitfahr-Tony hoffen!

Bis Kilometer 125 hatte ich dann noch das Vergnügen, im Feld dabei zu sein und ich machte mich als Flaschenholer nützlich - viel mehr kann ich an Tagen wie diesen auch wahrlich nicht bieten. Pünktlich zum letzten großen Anstieg bildete sich das Gruppetto und wir kamen irgendwann mit 26 Minuten Rückstand ins Ziel. 45 hätten es sogar sein dürfen - die Raserei am Anfang hatte also auch Vorteile.

Die Stimmung heute an der Strecke war übrigens wieder überragend. Habt Ihr gesehen, was am letzten Anstieg los war? Einfach immer wieder unglaublich! Jenen Anstieg fuhr ich im Gruppetto hoch, übrigens zufällig neben Titi Voeckler, und bekam so mit, wie viele Fans der eigentlich hat. Wahnsinn! Immer wieder hörte man "Merci Thomas“ und sah entsprechende Transparente und Poster in den Massen. Da merkt man erst mal, was unser Titi hier für ein Volksheld ist. Ich habe auch gar nicht mitbekommen gehabt, dass auch er heute mal eine Weile vorne in der Spitze fuhr und fragte ihn, wieso er mit dem Chromrad im Gruppetto sei. Seine Aussage, dass er heute schlechte Beine gehabt hätte, macht erst jetzt Sinn, wo ich weiß, dass er nicht die ganze Zeit bei mir war…

Als wir dann so in Richtung Ziel fuhren, musste ich noch mal kurz an Simonis Spruch mit der Gruppe aus der Neutralisation denken. Im Prinzip war ich ja in einer Gruppe gelandet…nur vielleicht nicht in der, von der er sprach. Und wenn ich jetzt hier im Bus die Wiederholung sehe, muss ich auch echt sagen, dass es bei Sunweb grade wirklich läuft. Die lassen die anderen ja förmlich gar keine Sonne sehen zur Zeit und sind immer vorne, stark! Vielleicht benennen wir die mal um: "Team Sunweg“…

Nun gut, nach diesem bewegten Tag haben wir uns den Ruhetag alle mehr als verdient und ich denke, ich werde meine Wagnerrechte morgen nur verlassen, wenn es was zu essen gibt oder wenn ich aufs Klo muss - wobei das mit dem essen viellicht auch anders gelöst werden kann…

Die letzte Tourwoche verspricht noch mal Spannung in jeglicher Hinsicht - freut Euch also mit uns darauf und schließt Eure Wetten ab, was noch so alles passiert!

Wir melden uns morgen wieder.

Euer Wagi und Paddi

PS: Wir freuen uns sehr, dass Ihr alle so viel Spaß beim lesen des Blogs habt. Wenn ihr mögt, schaut Euch doch mal Paddi s Buch über die Tour im letzten Jahr an - das wird Euch definitiv auch gefallen. Wagi kommt dabei natürlich auch nicht zu kurz. "DNF - Dienstreise Nach Frankreich“ ist pünktlich zum Tourstart 2017 erschienen und es werden 5€ je verkauftem Buch an den deutschen Radsport-Nachwuchs gespendet.

Alle Infos unter: www.dienstreise-nach-frankreich.de

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