Profi-Radsport

Rund 150 verbotene Medikamente bei Razzia - Wettkampf-Stopp beendet

24.06.2001 - Rom (dpa) - Bei rund der Hälfte der am 6. Juni in San Remo bei der Giro-Razzia sichergestellten 300 Medikamente soll es sich um Doping-Präparate handeln. Das gab der zuständige Staatsanwalt von Florenz, Luigi Boccioli, am Wochenende bekannt.

In der kommenden Woche werden erste Vernehmungen gegen 86 Personen beginnen, gegen die formal wegen «Sportbetrugs» und Verstoßes gegen das Doping-Gesetzt ermittelt wird, kündigte Boccioli an.

Unter den 86 sollen sich auch Olympiasieger Jan Ullrich (Merdingen) und Mannschaftsarzt Lothar Heinrich (Freiburg) befinden. Bei Ullrich waren Kortekoide gefunden worden, für die der Telekom-Kapitän aber Atteste vorweisen kann, so dass die Einstellung des Verfahrens wahrscheinlich ist. Das dürfte auch in zahlreichen anderen Fällen gelten. Bei Heinrich waren Coffein-Tabletten - nach eigener Darstellung zum Eigenbedarf gegen einen Jetlag - gefunden worden.

Der vom italienischen Olympischen Komitee erbetene und vom Verband umgesetzte Wettkampf-Stopp war am Samstag nach fünf Tagen nach Vorlage eines dreiseitigen Ethik-Codex` schon wieder beendet. Mehr als symbolische Bedeutung hatte die «Denkpause» als Reaktion auf die Giro-Vorkommnisse ohnehin nicht, der Amateur-Giro lief trotzdem weiter und die eigentlich zum Nichtstun aufgeforderten italienischen Teams Lampre und Fassa Bortolo engagierten sich mit viel Erfolg bei der Tour de Suisse.

Der Ethik-Codex, vom greisen, ehemaligen National-Coach Alfredo Martini ausgearbeitet, umfasst sechs Punkte. Wichtigste angekündigte Maßnahme neben treuherzigen Bekenntnissen zum Kampf gegen Doping ist die zukünftige Nationalmannschafts-Sperre für Doping-Sünder. «An guten Absichten fehlt es nicht, dem Problem Doping ist so aber nicht beizukommen», kommentierte am Sonntag «La Repubblica». Giancarlo Cerutti, der Präsident des italienischen Radsport-Verbandes, ist da schon optimistischer. «Jetzt kann der Radsport wieder starten», verkündete er.

In Gesprächen vor Beginn des Prozesses gegen den angeklagten Arzt Francesco Conconi leugnete der umstrittene Mediziner vor Richter d`Agostini den Einsatz von verbotenen Medikamenten. Die bei ihm sichergestellte Liste mit zahlreichen prominenten Fahrer-Namen und deren Medikamentation, bezeichnete Conconi als «Studien-Material». Das hätte «überhaupt nichts» mit Doping-Verabreichungen zu tun.

Marco Magnani, noch beim Giro Mannschaftsarzt in Marco Pantanis Mercatone Uno-Mannschaft, berichtete einer italienischen Zeitschrift, dass er von der Team-Leitung unter Druck gesetzt worden war, den Fahrern «unnötige Medikamente» zu verabreichen. Er habe sich geweigert.