Profi-Radsport

Merckx: Armstrong ist Favorit - «Kein Ullrich-Kurs»

23.09.2000 - Sydney (dpa) - Eddy Merckx schüttelte den Kopf. «Der Kurs ist nichts für Ullrich, zu kurvenreich. Ich glaube, Armstrong holt Gold», sagte der Belgier.

Der «Muhammad Ali des Radsports», seit einigen Tagen in Sydney zu Gast, lässt keinen Zweifel daran, wen er für das 46,8 km lange Einzelzeitfahren der Straßen-Profis zum Abschluss der olympischen Rad-Wettbewerbe am 30. September favorisiert. Die Anzeichen verdichten sich, dass Jan Ullrichs lange Wartezeit auch in Sydney noch nicht zu Ende gehen könnte. Seit dem Titelgewinn bei der WM im Oktober `99 in Italien wartet der Tour- Gewinner von 1997 auf ein neues Erfolgserlebnis in seiner Parade- Disziplin.

Die letzte und sicher bitterste Niederlage im Kampf gegen die Uhr kassierte der 26-jährige Telekom-Kapitän, der in diesem Jahr auf zweite Plätze abonniert zu sein scheint, bei der Tour de France vor der eigenen Haustür. Auf dem Weg von Freiburg nach Mulhouse distanzierte ihn Lance Armstrong (USA) um 25 Sekunden, obwohl der Zeitfahr-Weltmeister zu diesem Zeitpunkt auf der Höhe seines Könnens war und die letzten Schlacken des verpatzten Frühjahrs verloren hatte. Aber ein motivierter Ullrich in Höchstform, der im Moment letzte Trainingsrunden in Brisbane dreht, kann jeden in den Schatten stellen - womöglich auch Armstrong.

Im Telekom-Lager äußern sich die Verantwortlichen zurzeit genauso vorsichtig wie vor der Tour, die Ullrich als Zweiter hinter dem Texaner beendete. «Ich erwarte ihn auf dem Podium - er gehört mit Armstrong und Olano zu den Favoriten», sagte sein Teamchef Walter Godefroot, der zusammen mit seinem Vize Rudy Pevenage auf Telekom-Einladung ohne Sport-Akkreditierung in Sydney zu Gast ist, nobel untergebracht auf der MS Deutschland. Wenn Ullrich auf die drei Runden zu je 15,6 km im Centennial Park geht, wird deshalb nicht wie sonst sein Intimus Pevenage im Begleitwagen sitzen können.

Die Belgier nutzen Sydney womöglich auch zu einer Einkaufstour - das Thema Robert Bartko ist noch nicht vom Tisch. «Wir überlegen, ob wir ihm noch ein Mal ein Angebot machen. Es ist keine Frage seiner Qualität, sondern wir müssen ihm auch ein gutes Jahresprogramm anbieten können. Wir haben zurzeit 23 Fahrer für die kommende Saison. Als wir ihm absagten, gingen wir von 24 aus», sagte Godefroot am Freitag. Godefroot: «Er scheint mir geeignet für kleinere Rundfahrten, kurze Zeitfahren und Eintagesrennen.»

Der umworbene Bartko (24) kann also abwarten und wählen. Vom neuen deutschen «Coast»-Team des Bochumer Textil-Unternehmers Günter Dahms liegt ihm ein Vertragsangebot über zwei Jahre mit Option vor. Unterhändler Wolfram Lindner, der neue Teamleiter von «Coast», rechnet noch in Sydney mit Bartkos Unterschrift, die den Altersschnitt der Mannschaft erheblich senken würde. Der ehemaligen DDR-Nationaltrainer verhandelt auch mit dem zweiten Vierer- «Goldjungen» Daniel Becke aus Erfurt.

Live-Ticker