Profi-Radsport

Ullrich fährt zweigleisig - Merckx: Zabel unter den Favoriten

25.09.2000 - Sydney (dpa) - Jan Ullrich fährt zweigleisig. Für Erik Zabel soll gelten: Alle guten Dinge sind drei. Der Toursieger von 1997 spekuliert sowohl am Mittwoch beim Straßenrennen (239,7 km), vor allem aber am Samstag beim Einzelzeitfahren über 46,8 km bei seiner Olympia-Premiere auf Edelmetall.

Zabel hat bei seiner dritten Teilnahme - Platz vier in Barcelona, Rang 20 in Atlanta - seit dem Tour-Ende nur den 27. September im Visier. «Es gibt auf der Welt 15 Fahrer, die am Mittwoch Olympiasieger werden können. Wir haben zwei davon», brachte es der deutsche Meister Rolf Aldag auf den Punkt.

Die fünf deutschen Straßenfahrer rollten am Montag nach einer ersten Inspektion der Olympia-Strecke mit dem Rad zur Pressekonferenz im Deutschen Haus und anschließend gleich zur Doping-Kontrolle. «Nur Andreas Klöden wurde nicht gelost», sagte Teamarzt Lothar Heinrich, der sonst wie vier Fünftel des Teams fest in Telekom-Diensten steht. Die Frage nach dem Kapitän blieb offen. Nur der Berliner Jens Voigt, als einziger kein Angesteller der Bonner, deren Führungsspitze auf der MS Deutschland residiert, gab einen Wink: «Erik ist unser bestes Pferd im Stall.»

Der «Marathon-Mann», seit Januar äußerst erfolgreich im Einsatz, ließ keinen Zweifel an seiner Motivation, auch wenn er meinte, ein WM-Titel wäre ihm lieber als ein Olympiasieg, weil er das Regenbogentrikot ein Jahr tragen dürfte. «Der Aufwand wäre zu groß, wenn wir hier nur Urlaub machen wollten. Der Kurs kann zu Recht in einer Reihe mit den Weltcup-Rennen gesehen werden - und die liegen mir ja in diesem Jahr ganz gut», sagte Zabel, der damit etwas untertrieb. Am 8. Oktober - deshalb fliegt er schon am Donnerstag zurück - dürfte sein Gesamtsieg im Weltcup in Tours nur noch Formsache sein.

Eigentlich wollte Ullrich, dessen Radikal-Kurzhaarschnitt auf mangelnde Englisch-Kenntnisse zurück zu führen sein soll («Ich habe nur gesagt: short, short») das Straßenrennen zum Einrollen für Samstag benutzen. «Mit fünf Fahrern ist das Feld nicht zu kontrollieren, bei der Tour sind wir vier mehr. Alle erwarten ein sehr unruhiges Rennen, viele Ausreißer-Gruppen werden gehen. Wenn wir zum Schluss in einer dabei sind, in der auch Erik fährt, hätten wir in ihm sicher den Aussichtsreichsten», sagte Ullrich, der aber auch eigene Ambitionen hat.

Beim Training am Montag ließ der zweifache Toursieger Lance Armstrong (USA) dagegen keinen Zweifel an seinen Prioritäten. Er befuhr den Kurs auf seiner Zeitfahr-Maschine, Ullrich benutzte sein Straßenrad. «Auf dem Zeitfahrkurs muss pro Runde 17 Mal in Kurven gebremst werden», zählte Mario Kummer, in Sydney Teamchef der deutschen Radler, akribisch mit. «Trotzdem ist die Strecke nicht so unruhig, wie ich gedacht hatte», sagte Ullrich, der vom fünffachen Toursieger Miguel Indurain am Samstag zu den drei Topfahrern neben Armstrong und seinem Landsmann Abraham Olano gerechnet wird. Mit einer Einschränkung: «Ich weiß nicht, ob es richtig war, die Vuelta abzubrechen.»

Nach Atlanta sind die Profis zum zweiten Mal auf olympischem Terrain zugelassen. Für Kummer habe das Straßenrennen in Sydney «im Vergleich zu 1996 unheimlich an Bedeutung gewonnen». 155 Fahrer suchen den Nachfolger des Schweizers Pascal Richard, der diesmal nicht am Start ist. Laut Eddy Merckx kämen die Favoriten aus Belgien, Deutschland, Italien und den Niederlanden: «Mein Sohn Axel gehört dazu, natürlich auch Zabel, Bartoli, Dekker und van Heswijk.» Indurain hatte 1996 mit einem Olympiasieg im Zeitfahren seine Karriere beendet.

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