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29.07.2001 -
Paris (dpa) - Lance Armstrong hat die 88. Tour de France mit dem Kopf gewonnen. «Dort ist nach seiner Krankheit etwas passiert, das macht ihn so außergewöhnlich.» So lautet der Erklärungsversuch von Telekom-Teamchef Rudy Pevenage dafür, dass Jan Ullrich im großen Duell der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt erneut keine Chance gegen das Phänomen aus Texas hatte.
Nach seiner 1996 diagnostizierten Hoden-Krebs-Erkrankung, die als geheilt gilt, begann Armstrong 1999 die Sportwelt zu verblüffen.
Der 29-jährige feierte, dessen Frau im Dezember Zwillinge zur Welt bringen wird, seinen dritten Toursieg in Folge und kommt dem Spanier Miguel Indurain immer näher, der die Tour zwischen 1991 und 95 fünf Mal hintereinander gewann.
Aber «ich jage nicht die Nummer fünf», sagt Armstrong und beschreibt seine besondere Motivation mit der «Leidenschaft». Die Passion für die Tour lässt ihn im Training leiden wie kein zweiter, lässt ihn von Januar bis Dezember auf dem Weg zur Perfektion die Tour zu seinem Kosmos machen. «Wenn ich spüre, dass diese Leidenschaft nicht mehr da ist, höre ich von einem Tag zu anderen auf», verspricht Armstrong, der aber klar macht, dass die Konkurrenz darauf vielleicht noch einige Jahre warten muss.
Sein langjähriger Trainer Bob Carmichael gibt Jan Ullrich, der Armstrong in einem mit großen sportlichen Gesten begleiteten Wettkampf unterlag, wenig Erbauliches mit auf den Weg von Paris nach Merdingen: «Lance wird im nächsten Jahr noch stärker sein.» Armstrong wollte sich da nicht so festlegen. «Ich bin dann mit 30 sicher noch erfahrener. Aber nichts ist garantiert», sagt der Amerikaner und spricht dabei nicht nur als möglicher vierfacher Toursieger sondern auch als geheilter Patient.
Armstrong, der jetzt genauso oft die Tour wie sein Landsmann Greg LeMond (1986/89/90) gewann, bluffte, spielte großes Theater, lobte die Konkurrenz über den grünen Klee und erlebte 2001 «so viel Spaß wie noch nie». Der wäre ihm allerdings am zweiten Ruhetag auf der Pressekonferenz im Kongresszentrum von Pau fast vergangen.
Das 70 Minuten-Gespräch geriet zum Tribunal, in dem Armstrong Schwierigkeiten hatte, seine Verbindungen zu dem umstrittenen Mediziner und Trainings-Analytiker Michele Ferrari zu rechtfertigen. Dem Italiener droht im September eine Gefängnisstrafe wegen Vergehen gegen die harten Landesgesetzte gegen Doping. Armstrong, dessen bereits sechsjährigen Verbindungen zu Ferarri erst unmittelbar vor der Tour bekannt wurden, stellte sich bedingungslos vor den Arzt.
Im Rückblick machte Armstrong, wortgewandt, als sei er in diplomatischem Dienst geschult, aus dem Presse-Verhör einen gewonnen Wettkampf: «Ich brauche auch solche Auseinandersetzungen. Das hat mir gefallen.» Viele französische Zeitungen betrachten die außergewöhnlichen Vorstellungen Armstrongs, der Ullrich im Hochgebirge und im Zeitfahren degradierte und vier Etappensiege einfuhr, mit Skepsis. «Muss man an Armstrong glauben?», titelte am Sonntag die «L`Equipe» zweideutig.
Sein Plädoyer zur eigenen Unschuld hört sich vor dem Hintergrund seiner überwundenen Krankheit überzeugend an. «Ich bin noch nicht über den Berg», sagte Armstrong, der 1997 eine mehrmonatige Chemotherapie und mehrere Operationen am Kopf und an der Lunge überstand. Nach 518 Tagen Zwangspause nahm er 1998 Kurs auf das wahrscheinlich größte «Wunder» der Sportgeschichte.
Der vor Selbstbewusstsein strotzende Armstrong, der sein Buch «Tour des Lebens» in den USA 850 000 mal verkaufte, bietet nicht nur wegen einiger Ungereimheiten in Zusammenhang mit den Doping- Anschuldigungen Reibungsflächen: Er gilt als Despot im Team, umgibt sich mit zwei Bodyguards, benutzt für die Talfahrt von den Alpen- Etappen schon mal einen Helikopter, während sich die geschundenen Arbeits-Kollegen im Mannschafts-Bus durch den Stau quälen, und düst in der kommenden Woche zu Talkshows kurz nach New York.
Die 18 Tour-Fotografen zeichneten den Texaner mit der «Goldenen Zitrone» für den unsympathischsten Fahrer aus, was nicht gegen Armstrong sprechen muss: «Ich mag keine gestellten Fotos und mache nicht für jeden den Affen.»
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