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21.03.2002 -
Mailand (dpa) - Die Messlatte liegt in Schwindel erregender Höhe und der Druck wie Blei auf seinen Schultern. Mit seinem fünften Sieg beim Frühjahrs-Klassiker Mailand-San-Remo, mit dem der Weltcup eingeläutet wird, wäre Erik Zabel den Rekordhaltern Eddy Merckx (sieben Erfolge) und Costante Girardengo (sechs) hart auf den Fersen.
«Alle sind mit mir zufrieden, wenn ich es wieder schaffe. Kritik fängt aber schon bei Platz zwei an», beschrieb der hoch favorisierte Vorjahressieger aus Unna seine Gratwanderung an der italienischen Riviera, wo ihn seit 1997 nur Andrej Tschmil schlug.
Zabel, der sich spätestens mit seinem Etappenerfolg beim Vorbereitungsrennen Tirreno-Adriatico wieder als Favorit ins Spiel brachte, hat diesmal aber ein besonderes Handicap zu tragen. Sein Team-Kollege Gian-Matteo Fagnini, der ihn die vergangenen beiden Jahre in turbulenten Schlusssprints auf der Via Roma zum Sieg pilotierte, fällt mit einem Schlüsselbeinbruch aus. Aber der Weltranglisten-Spitzenreiter und «Sportler des Jahres» hält sich mit solchen Schicksalsschlägen nicht lange auf.
«Natürlich kam die Verletzung zum ungünstigsten Zeitpunkt. Aber was soll ich lange lamentieren. Das nützt doch nichts», meinte Zabel, der am Samstag bei der 93. Austragung des längsten aller zehn Weltcup-Rennen über 287 Kilometer vor allem auch Team übergreifende italienische Allianzen fürchtet. «Ich habe da so etwas läuten gehört. Ist doch klar, dass die Italiener nicht wollen, dass immer Zabel gewinnt», vermutet der 31-jährige Berliner sicher richtig und wittert besondere Gefahr durch die einheimischen Alessandro Petacchi, Mario Cipollini und Paolo Bettini.
«Praktisch geht es gar nicht, dass Erik wieder gewinnt. Das wäre unglaublich», sagte Teamsprecher und Ex-Profi Olaf Ludwig, der so «viele Favoriten wie nie» ausgemacht hat. Das Loben der Konkurrenz ist dabei im Vorfeld ein beliebtes Spiel. «Zabel ist mein Top-Favorit. Er hat dort schon vier Mal alles richtig gemacht und sich zuletzt enorm gesteigert», sagte Doppel-Weltmeister Oscar Freire aus Spanien, der von vielen ebenfalls ganz vorne erwartet wird.
Im Training hat Zabel an seinem Zweitwohnsitz Mallorca die «Classicissima» simuliert. «Vor Tirreno-Adriatico saß ich dort bis zu sieben Stunden im Sattel. Der Anstieg auf das Kloster Randa war meine Cipressa, auf der am Samstag 27 Kilometer vor dem Ziel eine Vorentscheidung fallen kann», sagte Zabel, der sich auf der Lieblingsinsel der Deutschen im Training Biss und Spritzigkeit zurück holte, die ihm nach eigenem Ermessen noch fehlten.
Vorsichtshalber stapelt er tief: «Es wäre ein Fehler, unser Team mit Winokurow und mir als Favorit zu sehen. Mindestens ein weiteres - Mapei - hat ähnliche Interessen», meinte Zabel und verwies auf das Duo Bettini/Freire und deren San Remo-Test bei Tirreno-Adriatico: «Als die weg gingen, konnte keiner folgen.» Alexander Winokurow könnte als frisch gekürter Gewinner von Paris-Nizza im Telekom-Team eine Art Joker spielen. Diese Rolle ist Lance Armstrong, der sein Europa-Debüt geben will, dagegen nicht zuzutrauen.
Ansonsten zermartert sich Telekom-Teamchef und Tüftler Rudy Pevenage den Kopf, wer Fagnini ersetzen könnte, falls es im Finale zu ähnlichen Szenarien wie in den vergangenen Jahren kommt: «Vielleicht Wesemann.» Alles graue Theorie findet Zabel: «Alle zehn Jahre ungefähr kommen ein einzelner Fahrer oder eine kleine Gruppe vorne an. Diese Konstellation wäre eigentlich schon 2001 fällig gewesen, vielleicht diesmal.» Mit scheinbarer Leichtigkeit versucht der ehrgeizige Seriensieger dem Druck auszuweichen: «Ich gehe mit Spaß in dieses Rennen. Die Welt geht nicht unter, wenn es nicht klappt.»
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