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07.10.2001 -
Berlin/Lucca (dpa) - Die «Asthma-Affäre» hat Jan Ullrich zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt eingeholt. Unmittelbar vor den Weltmeisterschaften, bei denen der 27-jährige Radprofi in Lissabon sowohl im Zeitfahren als auch im Straßenrennen zum engsten Favoritenkreis gehört, bläst dem Olympiasieger durch die offiziellen Doping-Ermittlungen in Italien der Wind unangenehm ins Gesicht.
Dennoch fühlt sich Ullrich, laut Manager Wolfgang Strohband im Moment «mindestens in Sydney-Form», nicht gebremst. «Das interessiert mich nicht. Es gibt keine neue Faktenlage. Meine Asthma-Mittel sind durch den Weltverband sanktioniert», sagte der Telekom-Star, der in Lissabon erwartet wird.
«Das schüttelt er ab. Er weiß, dass er nichts zu befürchten hat. Jeder kann sich seinen Reim darauf machen, warum das gerade jetzt unmittelbar vor der WM wieder hoch kommt. Zuletzt war davon kurz vor der Tour de France die Rede», sagte Ex-Profi und Telekom-Teamsprecher Olaf Ludwig, der als Verbands-Vize in Lissabon den sportlichen Ablauf im Elite-Bereich mit zu verantworten hat. «Jan hat in beiden Disziplinen Medaillen-Chancen.» Der Zeitfahr-Kurs über 39 km soll im Verhältnis noch schwerer als der Straßen-Parcours über 254 km und insgesamt 4000 Höhenmeter sein. Ludwig: «Je schwieriger, desto besser für Jan.»
In der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» war von zwei Präparaten die Rede, die vom Staatsanwalt Luigi Bocciolini in Florenz nach der Doping-Razzia beim Giro am 6. Juni als Gesetzesbruch im Fall Ullrich interpretiert wurden: Anti-allergisch wirkende Kortekoide und Teophilin, das eine ähnliche Wirkung wie Coffein habe. Ab 15. Oktober nach der WM will die Justiz mit Vorladungen beginnen.
Im Zuge der Schlagzeilen trächtigen Giro-Razzia ermittelt Bocciolini gegen rund 50 Radprofis. Die meisten sollen wie Ullrich ärztliche Atteste haben, mit denen sonst verbotene Medikamente legitimiert werden können. Strohband rechnet nicht damit, dass der Zeitfahr-Weltmeister von 1999 direkt vorgeladen wird: «Das erledigt unser Anwalt in Italien.» Von einer «reinen Formsache» redete auch Team-Chef Rudy Pevenage.
Die härtesten Konkurrenten für Ullrich beim Straßenrennen hat Ludwig in Italien ausgemacht: Francesco Casagrande und Davide Rebellin, der in der nächsten Saison für Gerolsteiner fährt. Dazu kämen in erster Linie der Niederländer Michael Bogeerd und der Spanier Oscar Freire. Einen Großteil der vermeintlich härtesten Widersacher hat Ullrich bei den letzten italienischen Testrennen in Lucca und in der Emilia Romagna bei seinen zwei Siegen hinter sich gelassen. Am Abend, nachdem er im Fahrer-Hotel von der offiziellen Ermittlung informiert wurde und einen italienischen Anwalt als Interessen-Vertreter benennen musste, gewann Ullrich die 3. Etappe der Lucca-Rundfahrt.
Weitere Telekom-Mitglieder sind nach dem Giro im Fadenkreuz der Ermittler: Der zweifache Etappengewinner Danilo Hondo (Cottbus), Mathias Kessler (Nürnberg) und die Italiener Roberto Sgambelluri und Alberti Elli, die das Team zum Saisonende verlassen werden, und die vom Staatsanwalt schon vor vor sechs Wochen Bescheid erhielten. Dazu kommen der Mannschaftsarzt Lothar Heinrich (Freiburg), bei dem Coffein-Tabletten zum - wie er sagt - Eigenbedarf wegen eines «Jetlags» gefunden wurden, und Ullrich-Betreuer Dieter «Eule» Ruthenberg (Berlin).
Staatsanwalt Bocciolini hat inzwischen beim italienischen Radsport-Verband die Eintragungen in die Gesundheits-Pässe von 21 einheimischen Fahrern überprüft. Darin sind auch die attestierten Medikamente notiert. Solche offiziellen Anfragen von italienischer Seite gab es beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR) laut Sportwart Burkhard Bremer noch nicht.
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