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"Ich habe die kriminelle Energie unterschätzt."
(Gerolsteiner Teamchef Hans-Michael Holczer zum Fall Schumacher)
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15.10.2001 -
Lissabon (dpa) - Hauptdarsteller waren andere. Die Siegerehrung verfolgte Jan Ullrich als Zuschauer vor dem Fernseher in der Box der deutschen WM-Teilnehmer 500 Meter hinter dem Zielstrich.
Sein Gesicht verriet es nicht, dabei hätte der 27 Jahre alte Olympiasieger aus Merdingen eigentlich eine zufriedene WM-Bilanz ziehen können. Aber seine Ansprüche sprachen dagegen. Wie bei der Tour de France war seine Rechnung nicht ganz aufgegangen.
Lissabon ähnelte Verona: 1999 blieb eine Medaille im Straßenrennen nach Gold im Zeitfahren für Ullrich außer Reichweite - wie auch dieses Mal auf Rang 13. In beiden Fällen hieß der Weltmeister Oscar Freire, der sein Abschluss-Training im Verkehrs-Chaos von Lissabon auf einer Taxi-Fahrt ins Hotel beendete, weil er die Orientierung verloren hatte.
Dennoch konnte sich Ullrich vor dem Start in den Urlaub an seinem größten Saisonerfolg festhalten: «Den Titel im Zeitfahren kann mir keiner mehr nehmen.» Sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte dazu per E-Mail gratuliert und abends wurde bei Fisch-Spezialitäten im Restaurant Cais de Ribiera fein gespeist. Im Dezember muss Ullrich im Training wieder in die Tretmühle und auf sein Gewicht achten, denn das nächste Ziel ist bereist ausgemacht: Toursieg Nummer zwei.
Das bessere WM-Ende in Lissabon hatte Erik Zabel für sich, der erst am Freitag aus dem Kurzurlaub aus Mallorca angereist war und dann wieder dort hinflog. Rang fünf bei seiner erst dritten WM-Teilnahme garantierten weitere wichtige Punkte für die Weltrangliste, so dass ein Überwintern auf dem Platz an der Sonne als erste Nummer eins Deutschlands immer wahrscheinlicher wird.
Sein Verfolger Davide Rebellin (Italien), millionenschwerer Neu-Einkauf des Teams Gerolsteiner, müsste schon die kommenden Rennen Piemont-Rundfahrt, Mailand-Turin und das Weltcup-Finale in der Lombardei gewinnen, um 426 Punkte Rückstand noch aufzuholen. Zabel (28 Saisonsiege) erwägt sogar, seine Marathon-Saison bis zur Lombardei-Rundfahrt auszudehnen und vielleicht noch ein paar Pünktchen zu sammeln.
Der 31-jährige Berliner war auf der Zielgeraden in Lissabon nur scheinbar auf WM-Kurs. «Ich war ganz schön platt und habe am Hinterrad von Dekker beim ersten Antritt gemerkt, dass die Kraft fehlt. Für mich war das Rennen ein bisschen zu schwer, aber es sollte ja nach sechs Jahren WM-Pause auch ein kleiner Test für 2002 sein. Auf dem flachen Parcours von Zolder in Belgien kann ich mir vielleicht mehr ausrechnen», sagte Zabel nach dem unerwarteten Finale in der portugiesischen Hauptstadt.
Für seinen Teamchef Rudy Pevenage war das Rennen nicht schwer genug, um die Bedürfnisse von Ullrich zu erfüllen. Der vielleicht auch an seiner Favoritenrolle gescheiterte Zeitfahr-Weltmeister fand den Parcours über insgesamt 4000 Höhenmeter zwar «erwartet schwer, aber die Steigungen wurden immer in gleichmäßigem Tempo genommen, so dass am Schluss noch zu viele Fahrer Reserven hatten». Ullrich hatte vor dem Rennen auf eine kleinere Fahrergruppe im Finale getippt und insgeheim von einem Solosieg wie in Sydney geträumt.
Die geballte Konkurrenz und im Endeffekt Freire mit perfekter Orientierung und richtigem Timing hatten ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Durch eine Rückenverletzung und eine Lebensmittel- Vergiftung (zehn Tage Krankenhaus) zurückgeworfen, fuhr der Spanier am Sonntag erst sein 33. Rennen in diesem Jahr. Nach zwei zweiten Plätze hinter Zabel bei der Spanien-Rundfahrt war Freire ausgestiegen und hatte sich nur noch auf Lissabon konzentriert. Denn WM-Kurse - zwei Titel, einmal Bronze bei drei Starts - sind seine Spezialität.
Das Finale erinnerte Freire an die Vuelta-Ankunft in Gijon vor gut vier Wochen: «Da hatte Zabel mich ähnlich bedrängt und ich habe zurückgezogen. Diesmal bin ich innen an ihm vorbeigefahren», sagte der 25-Jährige, der im Mai von Bayern Münchens Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt von seinen Rückenproblemen kuriert worden war und im Anschluss die Etappe der Deutschland-Tour in Mannheim gewonnen hatte.
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