Profi-Radsport

Pantani droht Haftstrafe - Marathon-Prozess erwartet

13.10.2000 -

Forli (dpa) - Dem mutmaßlichen Doping-Sünder Marco Pantani droht eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr und das Ende seiner erfolgreichen Radsport-Karriere. Als erster Profi überhaupt steht Italiens Radsportidol seit Freitag in seiner Heimatstadt Forli in einem Marathon-Prozess wegen Dopings vor Gericht.

Die Anklage lautet auf «Sportbetrug», weil Doping bislang kein Straftatbestand in Italien ist. Dem 30-jährigen Giro d`Italia- und Tour-de-France-Sieger von 1998 wird Blutdoping mit Erythropoietin (EPO) und damit Betrug an seinen Konkurrenten beim Radrennen Mailand - Turin im Oktober 1995 vorgeworfen. Der langjährige Tour-Rivale von Jan Ullrich bestreitet dies vehement.

Nach zahlreichen ergebnislosen Doping-Ermittlungen gegen ihn wird es zum ersten Mal wirklich ernst für den Glatzkopf mit den Segelohren, den die Italiener liebevoll «Elefantino» (kleiner Elefant) nennen. Am ersten Verhandlungstag erschien Pantani nicht vor Richterin Luisa Del Bianco. Sein Verteidiger Gaetano Insolera bekräftigte die Unschuld des Radprofis. Pantani selbst hatte immer wieder betont: «Ich habe absolut nichts mit Doping zu tun.»

«Pirata» Pantani fühlt sich als Opfer einer Hetzjagd und sogar vom eigenen Nationalen Olympischen Komitee im Stich gelassen. Weil ihn vor den Olympischen Spielen einige Mediziner aus der Anti-Doping- Kommission erneut mit Doping in Verbindung brachten, kündigte er seinerseits Verleumdungsklagen an.

Jetzt aber steht erst einmal er selbst vor Gericht. Die Anklage gegen Pantani basiert auf den Vorfällen vom 18. Oktober 1995. Bei einer Operation in Folge eines schweren Sturzes beim Rennen Mailand - Turin war bei Pantani ein enorm hoher Hämatokritwert (60,1 Prozent) festgestellt worden war. Erlaubt ist ein Wert von 50.

Der Bergspezialist hatte sich komplizierte Beinbrüche zugezogen, als er mit einem Jeep auf der Strecke zusammengestoßen war. Extrem schwankende oder erhöhte Blutwerte gelten als Indiz für Doping mit dem künstlich hergestellten Hormon EPO, das die Sauerstoffzufuhr zu den Muskeln erhöht und damit die Leistung verbessert.

Viele Sportmediziner und auch die Ankläger halten die hohen Blutwerte für einen eindeutigen Dopingbeweis, was die Gutachter der Verteidigung allerdings bestreiten. Die Anklage steht ohnehin nicht nur nach Meinung von Verteidiger Insolera auf wackligen Füßen, weil das in Frage kommende Gesetz Nummer 401 direkte Bestechung («Geld oder andere Vorteile») als Sportbetrug wertet. Selbst der Staatsanwalt hatte deshalb eine Einstellung des Verfahrens beantragt, weil ein Betrug im eigentlichen Sinne nicht vorliege und Doping noch keine Straftat sei. Der zuständige Richter lehnte dies im Sommer dieses Jahres jedoch ab und setzte den Prozess gegen Pantani an.

Pantanis Fans glauben deshalb, dass man ihr Idol schlichtweg unter allen Umständen vor «Gericht zerren» wollte. Felice Gimondi, vor Pantani 1965 letzter italienischer Toursieger und Präsident des Pantani-Teams Mercatone Uno, hatte bereits vor Wochen geklagt: «Es sieht aus, als wollte man den Jungen massakrieren.»

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