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22.10.2000 -
Bergamo (dpa) - Die Beine entspannt hoch gelegt, erlebte Erik Zabel den größten Triumph seiner Karriere im Fernsehsessel. Als der Litauer Raimondas Rumsas beim Weltcup-Finale in Bergamo nach 258 km als erster über die Ziellinie rollte, hatte Zabel sein Werk vollendet - ohne den letzten Schliff angelegt zu haben.
Nach der 94. Lombardei- Rundfahrt konnte der 30-jährige «Marathon-Mann», seit Januar für sich und Telekom erfolgreich im Dauereinsatz, bei der Siegerehrung dennoch den Weltpokal in die Höhe stemmen.
Nach zehn Wertungs-Rennen nahm Zabel, der am Samstag nur 13 km weit gekommen war, die Auszeichnung für den beständigsten Profi der Saison entgegen, spritzte wie Michael Schumacher mit Champagner und konnte es sogar verwinden, dass der Glaspokal beim Jubeln zerbrach. Acht Etappensiege bei der Tour de France, fünf Mal in Folge das Grüne Trikot, drei Siege bei Mailand-San Remo - Erik Zabel ließ trotz der imposanten Beweise seiner bisherigen Leistungsfähigkeit keinen Zweifel an der Wertigkeit des Weltcups: «Mein größter sportlicher Erfolg, der mir sehr, sehr schwer gefallen ist, und für den ich am meisten tun musste.»
Über die rechte Einordnung seines Triumphes zu Hause war er im Zweifel. «Ich schätze mal, die Resonanz wird geteilt sein. Die Haar- Analyse Christoph Daums wird mich wohl auf die zweiten Seiten der Sportnachrichten verdrängen», meinte Zabel, der am Abend in Bergamo trotzdem ausgelassen feierte. Sogar die italienische «Repubblica» räumte dem geschassten Fußball-Trainer am Sonntag mehr Platz ein. Die «Gazzetta dello Sport» jubelte mit Zabel, der den Cup mit 62 Punkten Vorsprung vor Andrej Tschmil holte: «Die schönste Aufgabe seines Lebens». Eine Reifenpanne hatte ihn zum Absteigen gezwungen. Sich danach wieder mühsam ans Feld zu kämpfen - dazu fehlte ihm die Lust.
Die Teamleitung hatte für den Nachfolger von Olaf Ludwig, der vor acht Jahren als erster Deutscher den seit 1989 vergebenen Weltcup geholt hatte, die Feier schon ausgerichtet, obwohl noch Gefahr für das Gelingen bestand. Denn der naturalisierte Belgier und Cup- Verteidiger Tschmil war Zabel vor der Lombardei-Rundfahrt bis auf 71 Punkte auf den Pelz gerückt. Ein Sieg in Bergamo hätte dem 37- Jährigen noch den Pokal gebracht und Zabel unglücklich gemacht. Aber Tschmil kam in dem beinharten Rennen, das von der lediglich sechsköpfigen Telekom-Rumpf-Mannschaft nur der deutsche Meister Rolf Aldag (Ahlen) durchstand, über Rang 17 nicht hinaus.
In die Freudenbecher fiel also kein Wermutstropfen. Die Feier mit Zabels komplettem Familienanhang gelang auch ohne den verhinderten Telekom-Chef Ron Sommer und Kapitän Jan Ullrich, der in Urlaubs- Vorbereitungen steckte. Sie endete feuchtfröhlich in einer Disco. Abgesehen von einer Prämie in unbekannter Höhe durfte sich Zabel am Abend über ein geschenktes Golf-Wochenende freuen.
Der begeisterte Hobby-Golfer, der vor einer Woche die WM wegen einer Erkältung, die er immer noch nicht vollständig überstanden hat, abgesagt hatte, legte im Weltcup einen Start-Ziel-Sieg hin. Das weiße Trikot des Spitzenreiters trug Zabel seit März, als er das erste Weltcup-Rennen (Mailand-San Remo) gewann. Am Samstag erlebte er die Premiere, «einen Sieg zu feiern, ohne über die Ziellinie zu rollen». Damit, so Teamchef Walter Godefroot, habe Zabel die längst vollzogene Wandlung vom Sprinter zum kompletten Fahrer manifestiert.
In Marathon-Manier - Zabel schloss die Saison als in dieser Beziehung erfolgreichster Telekom-Fahrer mit 19 Siegen ab - geht es bei dem gebürtigen Berliner weiter. Nach einem kurzen Abstecher nach Mallorca rollt Zabel am 2. November an der Seite Aldags zum Start des Dortmunder Sechstagerennens. Danach bessert er seine Haushaltskasse bei den Sixdays in München auf, dann wird mit Ullrich und weiteren Fahrern in Südafrika die erste Phase der Vorbereitung auf die folgende Saison eingeläutet.
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