Profi-Radsport

Giro vor dem Abgrund

20.05.2002 -

Camaiore/Berlin (dpa) - Der Giro d`Italia bangt im 93. Jahr um seinen Fortbestand. Ein Jahr nach der größten Razzia der Radsport-Geschichte zur Aufdeckung von Doping wird die Italien-Rundfahrt wieder von einem weiteren Skandal erschüttert. Dazu kommt seit dem Wochenende der Verdacht, die Mafia liefere den Stoff für den Betrug im Sport.

Der Spitzenreiter und Favorit Stefano Garzelli, der ehemalige Telekom-Profi Roberto Sgambelluri (Italien) und der Russe Faat Zakirow wurden bei Doping-Kontrollen positiv getestet. Gegen fünf mutmaßliche weitere Doper, darunter Giuliano Figueras (Italien), ermittelt die Polizei. Ein Dealer stellte sich in Neapel den Behörden.

Der italienische Gesundheits-Minister Girolamo Sirchia forderte harte Strafen, «wenn Siege nur noch über Pillen zu schaffen sind». Die sizilianische Zeitung «Giornale della Sicilia» riet am Montag: «Jetzt wäre es besser, alles zu stoppen.» Der «Corriere della Sera» schrieb nach der Entdeckung eines Doping-Depots im Hauptquartier eines Amateur-Clubs in Manerba am Garda-See von der «Apotheke des Todes». Aus einem Kühlschrank voller Doping-Präparate sollen mindestens 20 Profis versorgt worden sein. Blutdoping-Präparate, nicht im Handel erhältlich, seien aus Krankenhäusern gestohlen und über Mafia-Kreise an die Profis verkauft worden. Die Zeitung behauptete, die Mafia kontrolliere den Doping-Schwarzmarkt.

«Am schwarzen Samstag» des Giro war der 28-jährige Garzelli trotz positiver A-Probe an den Start zur 6. Etappe gegangen und wurde in Varazze von Jens Heppner von der Spitze verdrängt. Der Thüringer verteidigte diese Position. Bis zur Analyse der B-Probe will Garzelli weiter fahren. Für den Fall seiner endgültige Überführung hatte der Giro- Sieger von 2000 seinen Rücktritt angekündigt. Das hörte sich das so an: «Wenn ich am Dienstag den Giro verlasse, komme ich in sechs Monaten wieder.» Mit Marco Pantani 1999 und Dario Frigo 2001 wurden in den letzten drei Jahren zwei Giro-Spitzenreiter wegen verdächtig hoher Blutwerte beziehungsweise Doping-Funden vom Rennen ausgeschlossen.

Garzelli soll auf der Etappe von Köln nach Lüttich, wo er sich das Rosa Trikot holte, das verbotene Präparat «Probenecid» eingenommen haben. Das Gichtmittel kann auf Grund seiner Harn treibenden Wirkung den Nachweis anderer Dopingmittel bei Kontrollen erschweren und ist in Italien nicht im Handel. Dafür aber in Deutschland, wie Professor Peter Billigmann, Teamarzt des Gerolsteiner-Teams, bestätigte: «Das Präparat könnte die Einnahme von Anabolika verschleiern». Der 1988 bei der Tour mit Probenecid ertappte Spanier Pedro Delgado konnte sein Gelbes Trikot nur behalten, weil das Mittel damals noch nicht auf der maßgeblichen UCI-Verbotsliste stand.

Wie Garzelli wies auch das Team-Mapei jegliche Manipulationsvorwürfe zurück. Die bisher nicht mit nachgewiesenem Doping in Berührung gekommene Mannschaft wittert ein Komplott. Das Mittel sei den Fahrern untergeschoben worden, mutmaßte Teamchef Aldo Sassi. Denn nicht nur Garzelli, sondern die gesamte Mannschaft habe an besagtem Montag permanent Wasser lassen müssen. Er habe Mitteilung von der Polizei erhalten, dass ein Doping-Fall vorliege, noch bevor die positiven Analysen auf dem Tisch lagen. Sassi erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Telekom-Teamleiter Rudy Pevenage erinnerte an umstrittene Äußerungen des Mapei-Konzern- Chefs Giorgio Squinzi bei der Tour de France 2001, ein Gelbes Trikot sei ohne Doping nicht zu erringen.

Bereits Anfang der Woche hatte die Staatsanwaltschaft Brescia unabhängig vom Fall Garzelli mit dem geständigen Antonio Varriale zum ersten Mal einen Profi-Sportler wegen Dopings in Haft genommen. «Ich habe gedopt, weil ich mir sonst vorkam, als würde ich gegen Motorradfahrer antreten», wurde Varriale vom italienischen Fernsehen zitiert. Ivano Fanini, der Chef des zum Giro nicht zugelassenen Amore e Vita-Teams, forderte einen «Giro-Stopp und die Annullierung aller verfälschten Ranglisten.» Sogar Pantani plädierte für ein vorläufiges Aussetzen des professionellen Radsport-Betriebs.

Auf Grund seiner Aussagen verhafteten Polizisten bei der Ankunft des Giro in Limone Piemonte Varriales Teamkollegen aus dem Panaria-Team, Nicola Chesini. Nach Angaben von Teamchef Roberto Reverberi ermittelt die Staatsanwaltschaft Neapel auch gegen Radprofi Filippo Perfetto, der deshalb bereits aus dem Giro ausgestiegen war. Ausgangspunkt für die Ermittlungen war der ehemalige Polizist Armando Marzano, der sich am Freitag der Polizei in Neapel gestellt hatte. Er steht im Verdacht, die verdächtigten Profis im großen Stil mit Dopingmitteln beliefert zu haben.

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