Profi-Radsport

Bahn-Oldies erlebten Sternstunde

26.10.2000 -

Manchester (dpa) - Mit dieser Goldmedaille konnte niemand rechnen. Dass Stefan Steinweg und Erik Weispfennig zwei gute Sechs-Tage-Fahrer sind, ist weithin bekannt. Aber dass ihnen nun bei den Bahn- Weltmeisterschaften in Manchester mit dem Titel im Zweier- Mannschaftsfahren im gesetzten Alter von 31 Jahren noch ein Mal der große Wurf gelang, überraschte selbst den Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), Manfred Böhmer.

Dessen Glückwünsche nach dem Rennen erwiderte Weispfennig mit einem kritischen Unterton in den Worten: «Das hätten sie schon früher haben können. Wir haben uns ja immer aufgedrängt.» Böhmers Reaktion blieb nicht aus. «Hinterher ist man immer schlauer», sagte der scheidende Funktionär.

Den beiden Routiniers merkte man in der Stunde des Triumphes an, welche Last von ihnen gefallen war. Beide hatten bereits mehrfach auf dem Siegerpodest ganz oben gestanden. Doch das ist einige Zeit her. 1991 Weltmeister mit dem Bahnvierer, 1992 war Steinweg noch Olympiasieger in dieser Disziplin. Seitdem waren die Six-Days- Spezialisten aber mehr die «ewigen Zweiten», wurden durch Nichtberücksichtigung für die Auswahl und viel Pech immer wieder zurück geworfen. Für Weispfennig, der im WM-Begleitheft des BDR nicht ein Mal namentlich erwähnt ist, ist eine lange Durststrecke zu Ende gegangen. «1994 in Palermo war ich das letzte Mal bei einer WM. In den vergangenen Jahren habe ich meist gute Platzierungen erreicht, aber Andreas Kappes hatte immer diese Sonderstellung. Die hat er sich selbst genommen und diese Chance habe ich genutzt», freute er sich indirekt über die Doping-Affäre um den Kölner.

Auch die Familie, die lange auf ihn verzichten musste, darf sich nun über das «Unternehmen Gold» freuen. «Ich bin im April Vater geworden, konnte selten bei meinem Sohn Nils und meiner Frau Barbara sein. Daher war dieser Erfolg ein Sieg für die Familie», schickte Weispfennig ein dickes Dankeschön nach Hause ins badische Waghäusel. Der Dortmunder Steinweg, der auch in der Einzelverfolgung für Doppel- Olympiasieger Robert Bartko (Berlin) an den Start gehen wird, fand kaum Worte. Schon einige Runden vor Schluss jubelte er in Siegerpose der deutschen Kolonie im Velodrom von Manchester zu. «Bei dieser fabelhaften Unterstützung macht es Spaß zu fahren. Olympia hätte ich gern mit genommen, aber das ist vorbei. Jetzt haben wir den Titel, der uns so lange gefehlt hat», meinte er.

Für Deutschland war es im Zweier-Mannschaftsfahren die erste Weltmeisterschaft. Dass mit den Australiern Scott McGrory und Brett Aitken die Olympiasieger fehlten, schmälerte den Triumph nicht. «Wären sie gefahren, hätten sie die Chance gehabt, den Titel zu holen. Aber mit de Wilde/Gilmore und Martinello/Villa waren die Top- Paare aus Belgien und Italien dabei. Dazu die Spanier. Es war schon ein gutes Feld», sagte Steinweg.

Mit Blick auf die Einerverfolgung sagte Bundestrainer Bernd Dittert: «Das sind unterschiedliche Rennen, die man nicht vergleichen kann. Die beiden haben hier einen günstigen Augenblick erwischt und den Rundengewinn heraus gefahren. Die Punkte stimmen auch, daher ist der Sieg jederzeit verdient.»

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