Profi-Radsport

Armstrong sieht Schwarz für Gelbes Trikot

14.07.2002 -

Saint Martin (dpa) - Die 89. Tour de France erlebte auf dem Weg nach Avranches ein «Finale infernal» wie die französische Sportzeitung «L`Equipe» schrieb. Die Folgen des «schwarzen Samstags» mit zwei Massenstürzen auf den letzten fünf Kilometern sind noch nicht abzusehen.

Der spanische Doppel-Weltmeister Oscar Freire landete im Straßengraben und trat nicht mehr an. Lance Armstrong (USA) verlor durch einen Zwangs-Stopp 27 Sekunden und bangt vor dem Zeitfahren um das Gelbe Trikot. Der ehemalige französische Meister Didier Rous brach sich das Schlüsselbein, und der Ahlener Rolf Aldag versuchte trotz Rippenprellung mit zusammengebissenen Zähnen weiterzustrampeln.

«Drei Kilometer vor dem Ziel war ich in einen kleineren Sturz verwickelt. Ich fiel nicht um, musste aber aus den Pedalen. Wir hätten mehr als 27 Sekunden verlieren können - vor uns waren 150 Fahrer in vollem Tempo», erzählte Armstrong von dem Vorfall, der ihn «Panik spüren ließ». Aber der Tour-Favorit konnte dem Zwischenfall auch etwas Positives abgewinnen: «Das hat gezeigt, dass ich wie jeder andere Fahrer bin. Auch mich kann es einmal treffen.» Hohes Tempo, enge Straßen, unübersichtliche Kreisverkehre und scharfe Kurven waren die Gründe für die diesjährigen Massenstürze Nummer vier und fünf. An den Vortagen hatten bereits Rik Verbrugghe (Belgien), Marco Pinotti (Italien) und Alexander Schefer (Kasachstan) nach unfreiwilligem Kontakt mit dem Asphalt das Rennen aufgeben müssen. Der Franzose Richard Virenque zog sich eine Knieverletzung zu.

Der dreifache Toursieger Armstrong hat Großes geplant. Zum zweiten Mal nach dem Prolog will sich der Texaner das Gelbe Trikot holen - mit einem Sieg im 52-km-Zeitfahren von Lorient nach Lanester. Der Kampf gegen die Uhr sollte nicht nur den wahren Beginn der Tour für die Favoriten markieren, sondern stand für Armstrong auch unter dem Gesichtspunkt persönliche Revanche. Seine Zeitfahr-Bilanz 2002 ist verbesserungsfähig: Der Kolumbianer Santiago Botero schlug ihn beim Dauphiné Liberée, Jens Voigt im Criterium International und der aktuelle Tour-Spitzenreiter Igor Gonzalez de Galdeano im Midi Libre.

«Es wäre jetzt leicht zu sagen, die Tour dauert drei Wochen, und in Paris haben in meinem Fall bisher immer Minuten den Unterschied gemacht. Aber die Tour wurde auch schon mit Sekunden-Vorsprung entschieden. Ich werde versuchen, den Rückstand im Zeitfahren am Montag aufzuholen. Aber das wird sehr schwer, weil Galdeano sehr stark ist», gab Armstrong zu bedenken, der über eine Änderung seiner Tour-Strategie nachdenkt, «wenn Galdeano im Kampf gegen die Uhr einen Super-Tag erwischt, das Zeitfahren gewinnt und mit Vorsprung in die Pyrenäen gehen sollte».

Gefahr droht Armstrong, der im Mannschafts-Zeitfahren 16 Sekunden auf das Galdeano-Team Once verlor, auch von dem Kolumbianer Botero, der eine abenteuerliche Tour-Vorbereitung hinter sich hat. Bis April trainierte er zu Hause in Medellin. «Aus Angst vor Guerilla-Anschlägen oder Entführung konnte ich nur die Hauptstraße von meinem Haus zum Flughafen fahren - da ist immer genügend Militär. Ich kleide mich dann wie ein Rad-Tourist, damit ich nicht besonders auffalle.»

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