Profi-Radsport

Die Tour und die Werbe-Karawane: «Großes Fest» endete tödlich

18.07.2002 -

Pau (dpa) - Die Tour de France, sportliches Top-Ereignis und großer Sommer-Spaß, endete am Mittwoch für einen siebenjährigen Jungen tödlich. Die Werbe-Karawane, bei Alt und Jung beliebt, da sie wie im Karneval kleine Geschenke, Bonbons, Mützen und bunte Prospekte aufs Publikum rieseln lässt, brachte in Retjons den Tod. Der kleine Melvin rannte quer über die Straße. Auf der anderen Seite wartete die Großmutter.

Der Wagen eines Herstellers von Süßigkeiten (Werbeslogan in Deutschland: «Haribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso») erfasste und verletzte ihn tödlich am Kopf. Die Feuerwehr, ein Tour- Arzt, der den Jungen am Straßenrand noch zu reanimieren versuchte, und ein Rettungs-Hubschrauber waren schnell zur Stelle. Aber alle Hilfe kam zu spät.

Sichtlich bewegt sprach Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc am Abend nach der Tragödie, die sich 26 km nach dem Start ereignete, zwei Stunden bevor die Radprofis die Unglücksstelle passierten, den Eltern und Großeltern sein Beileid aus. Auch Lance Armstrong, selbst Vater dreier Kinder, kondolierte. Auf der Tour als großem Fest liege ein tiefer Schatten, sagte Leblanc, der an den letzten tragischen Tour- Unfall dieser Art am 14. Juli 2000 erinnerte, als ein zwölfjähriges Kind überfahren wurde.

1995 war der Radprofi Fabio Casartelli, ein Team-Kollege von Armstrong, bei der Abfahrt vom Pyrenäen-Pass Portet d`Aspet tödlich verunglückt. Er hatte eine Kurve verpasst und prallte mit dem Kopf an eine Straßen-Begrenzung aus Beton. Der folgenschwerste Unfall in der Tour-Geschichte ereignete sich 1964 als ein LKW der Karawane in eine Zuschauer-Gruppe rast und 20 Personen tötete.

Einen Tag nach Melvins Tod herrschte wieder diese Stimmung: Die Show geht weiter. Die französische Boulevardzeitung «France Soir» widmete der Tragödie 21 Zeilen, das Sportliche wurde auf zehn Seiten abgehandelt. Jean-Pierre Lachaud, der Verantwortliche der 180 Fahrzeuge umfassenden Werbe-Karawane, die den Profis vorauseilt und auf ihre Art für Stimmung am Straßenrand sorgen soll, will am Konzept nichts ändern: «Eine Werbe-Karawane ohne Geschenke ist keine richtige Werbe-Karawane. Wir werden weiter Bonbons verschenken.» Laut Lachaud werden bei der Tour rund zehn Millionen «Objekte» verteilt. Leblanc habe «nicht daran gedacht, die Karawane nach dem Unfall zu stoppen.»

«Keine Werbung bitte» gilt nicht bei der Tour. Selbst Erwachsene riskieren im Juli in Frankreich für billige Kugelschreiber, Tütensuppen oder bunte Postkarten, die aus den vorbeifahrenden Autos herausgeworfen werden, ihr Leben. Alle Vorsichtsmaßnahmen und Restriktionen, denen der Tour-Tross - insgesamt etwa 3000 Fahrzeuge - unterworfen ist, nützen wenig. Auch wenn einige Tour-Begleiter schon nach Haus geschickt wurden, oder rund 300 Geschwindigkeits-Kontrollen für mehr Disziplin sorgen sollen: Die Gefahr liegt im System.

Die zu erwartenden Zuschauer-Massen auf den schmalen Straßen der Pyrenäen-Pässe sorgen schon lange für unruhige Nächte beim Ordnungs- Personal. Totale Sicherheit beim Tour-Spektakel kann es nicht geben. Daran können auch insgesamt rund 12 000 im Einsatz befindliche Polizisten nicht viel ändern.

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