Profi-Radsport

Armstrong weiter in Gelb - Virenque siegt auf Mont Ventoux

21.07.2002 -

Mont Ventoux (dpa) - Das Gelbe Trikot passt wie angegossen. Auch wenn Lance Armstrong ein Sieg auf dem von Richard Virenque beherrschten Mont Ventoux wieder verwehrt blieb. Der 30-jährige Texaner wird bis Paris kaum noch nicht Gefahr geraten, es zu verlieren. Auf dem Weg zu seinem vierten Toursieg in Folge konnte Armstrong auf dem berüchtigten Anstieg in der Provence seinen Vorsprung auf die gesamte Konkurrenz mit einem weiteren Parforceritt im Gesamtklassement ausbauen.

Sein ärgster Verfolger Joseba Beloki hat vor dem zweiten Tour-Ruhetag jetzt sogar 4:21 Minuten Rückstand. Nach zwei Siegen in den Pyrenäen hatte Armstrong auf der 14. Etappe nur das Gesamtklassement in den Augen. «Es gibt noch viele Tage, viele Berge, viele Gefahren. Es ist noch nicht vorbei, aber meine Ausgangs-Position vor den Alpen ist ideal», sagte der drittplatzierte Armstrong nach der 14. Etappe der 89. Tour de France, die der Franzose Virenque nach 221 km bei glühender Hitze auf dem gefürchteten Mont Ventoux als Solist vor dem Russen Alexander Botschar (1:58 Minuten zurück) gewann. Verägert war Armstrong über etliche Zuschauer, die den Weg auf den Gipfel gesäumt hatten. «Ich bin von vielen mit Doper-Doper-Rufen beschimpft worden. Ich bin es langsam satt. Diese Leute sollen zu Hause bleiben», sagte der Amerikaner.

Armstrong ließ sich nur kurz von den Anfeindungen ablenken und richtete den Blick schnell wieder auf die schwierigen Etappen nach Les Deux Alpes und am darauf folgenden Tag nach La Plagne. Und auch danach will sich Armstrong nicht zurücklehnen: «Die Etappe vor dem Zeitfahren ist sehr gefährlich.»

Im täglich aufs Neue spannenden Kampf um das Grüne Trikot behauptete Robbie McEwen am Sonntag die Führung in der Punktwertung punktgleich vor Erik Zabel. Der Australier hatte sich das Grüne Trikot am Samstag geholt, weil er im Spurt um Rang 12 hinter einer elfköpfigen Ausreißer-Gruppe, aus der der Schotte David Millar die Etappe in Beziers nach 171 km gewonnen hatte, einen Platz vor Zabel landete. Bei Punktgleichheit - auch nach Etappensiegen steht es 1:1 zwischen beiden - entscheiden die bisher besseren Platzierungen bei den Zwischenspurts zu Gunsten McEwens. «Es wird schwer, das Trikot in diesem Jahr wie in den vergangenen sechs Jahren wieder zu holen», äußerte sich Telekom-Manager Walter Godefroot skeptisch.

Armstrong konnte es verwinden, dass er auf dem Mont Ventoux, auf dem am 13. Juli 1967 der Engländer Tom Simpson, voll gepumpt mit Amphetaminen und Alkohol, zu Tode kam, noch nie gewinnen konnte. Bei der letzten Tour-Besteigung 2000 hatte er den Sieg großzügig an Marco Pantani verschenkt, um sich hinterher mit Vorwürfen der Arroganz auseinander setzen zu müssen. Diesmal schlug am 1909 Meter hoch gelegenen Provence-Riesen, dessen Kuppe völlig kahl ist, die Stunde Richard Virenques, der in den Pyrenäen enttäuscht oder sich geschont hatte.

Der 32-jährige Franzose, 1998 Hauptdarsteller des Doping-Tour-Skandals, hatte sich nach bereits 18 km des zweitlängsten Tour-Abschnitts mit zehn weiteren Fahrern vom Feld abgesetzt. Den Fuß des Ventoux erreichte die Spitzengruppe bei Temperaturen um 40 Grad 21,1 km vor dem Ziel mit 7:13 Minuten Vorsprung auf die erste Verfolgergruppe mit Armstrong an der Spitze. Auf der maximal 9,4 Prozent steilen Rampe des Anstiegs der Prestige trächtigen Etappe hatte sich die elfköpfige Spitzengruppe schnell auf fünf Fahrer verringert.

Durch die dicht gedrängten Menschenmassen gab Virenque, dessen letzter Etappensieg zwei Jahre zurückliegt (Morzine), den Takt an. 12 km vor dem Ziel war Virenque mit Botscharow allein, die letzten 10,5 Kilometer absolvierte der fünffache Bergkönig der Tour im Alleingang und konnte sogar Armstrong widerstehen. Der war sieben Kilometer vor dem Ziel aus der Verfolgergruppe losgestürmt.

Lance Armstrong hinterlässt derweil Hoffnungslosigkeit bei der Konkurrenz. Seine Attacken in den Pyrenäen und am Ventoux brachten dem ehemaligen Krebspatienten nicht nur einen komfortablen Vorsprung. Der nicht messbare Vorteil, die psychologische Stärke, wiegt mehr. «Er ist der Stärkste von uns allen», sagte Beloki. Auch die Durchhalteparole seines Team-Chefs Manolo Saiz hörte sich nicht sehr überzeugend an: «Vielleicht hat Armstrong auch ein Mal einen schlechten Tag.»

Vier Toursiege in Folge haben vor Armstrong nur drei Fahrer geschafft: die Fünffach-Sieger Jacques Anquetil, Eddy Merckx und Miguel Indurain. Dessen Serien-Rekord (Sieger von 1991-1995) will der Texaner im nächsten Jahr angreifen.

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