Profi-Radsport

Sparzwang bei Telekom trifft Ullrich

27.07.2002 -

Macon (dpa) - Jan Ullrich wird bei Telekom nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst und hat seine Fühler offensichtlich schon nach anderen Mannschaften ausgestreckt. Sein bis Ende 2003 gültiger Vertrag wurde von Telekom ausgesetzt.

Sein letztes Gehalt bezog der nach einem Urteil des Sportgerichts des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) bis zum 23. März 2003 gesperrte Merdinger Olympiasieger im Juni. Damit muss Ullrich, nach seiner Fernseh-Beichte vom 6. Juli immer noch abgetaucht, auf monatlich geschätzte mindestens 100 000 Euro verzichten.

«Dass der Vertrag jetzt auf unbestimmte Zeit ruht, heißt nicht, dass er gelöst ist und wir Jan jetzt für andere interessierte Sponsoren freigeben. Wir setzen uns mit ihm zusammen und müssen alles klären und über neue Vertragsverhältnisse nachdenken», sagte Godefroot, der dem Tour-Sieger von 1997 damit auch Gehaltskürzungen in Zukunft in Aussicht stellt. «Sobald Ullrich weiß, was er will, verhandeln wir seinen Vertrag neu», sagte Teamsprecher Olaf Ludwig. Das bestätigte auch der auf Telekom-Seite verantwortliche Kommunikations-Direktor Jürgen Kindervater.

Ullrich-Manager Wolfgang Strohband, der erklärte, die vorübergehenden Vertrags-Aussetzung seien auf seinen Wunsch zu Stande gekommen, gab inzwischen Kontakte zu Bjarne Riis und seinem dänischen TSC Tiscali-Team zu: «Ich war in den Pyrenäen bei der Tour und habe mich mit ihm unterhalten - mehr nicht», sagte der Hamburger, der seinem Schützling jetzt «vor allem Ruhe gönnen und abwarten möchte», wie die wegen Drogen-Besitzes ermittelnde Münchner Staatsanwaltschaft entscheidet. Strohband will bei einer erfolgreichen Verlängerung des Vertrages bei Telekom das Geld zurückfordern, das dem zweifachen Zeitfahr-Weltmeister derzeit durch den auf Eis gelegten Kontrakt verloren geht.

Teamchef Rudy Pevenage geht weiter davon aus, dass «sich Jan seinen Platz im Team Telekom und im Radsport zurück erobern wird». Riis, Ullrich-Freund und 1996 sein Vorgänger als Tour-Sieger, ist nach dem angekündigten Karriereende Laurent Jalaberts auf der Suche nach einem prominenten Fahrer für nächstes Jahr. «Natürlich hätte ich Interesse an einem Ullrich in Top-Form, wenn er von Telekom frei kommt und es da keine Ungereimtheiten gibt», sagte der Däne.

Mit dem Gehalts-Stopp für Ullrich schlagen Godefroot und Kindervater, der als rechte Hand des zurück getretenen Konzern-Chefs Ron Sommer galt, den Weg der neuen Sparsamkeit ein. Nach vier Vertragskündigungen und der fast von Tränen begleiteten Ankündigung von Kevin Livingston (USA), zum Ende der Saison seine Karriere zu beenden, wird bei Godefroot Geld frei für die mögliche Neuverpflichtung eines prominenten Etappenfahrers. Als aussichtsreichste Kandidaten gelten der Vuelta-Zweite 2001, Oscar Sevilla (Spanien), und der diesjährige Giro-Gewinner Paolo Savoldelli (Italien).

Die Zukunft Ullrichs steht weiter in den Sternen. «Ich gebe keine Prognose ab», sagte Godefroot, der von der BDR-Präsidentin Sylvia Schenk kritisiert wurde, weil er auf seinen ehemaligen Vorfahrer ungeheuren Druck ausgeübt hätte und die gravierenden Ausfälle Ullrichs der letzten Zeit darauf zurückzuführen seien. «Frau Schenk hat wahrscheinlich mehr Ahnung von Leichtathletik als von Radsport», meinte der Team-Manager. Die BDR-Chefin hatte sich besonders Sorgen um die Psyche des gebürtigen Rostockers gemacht und «professionelle Hilfe» für Ullrich angemahnt. Sogar Innenminister Otto Schily mischte sich ein und plädierte für einen behutsamen Umgang mit Ullrich in der Öffentlichkeit.

Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc steht weiter mit geöffneten Armen vor Ullrich. «In diesem Jahr hat er mit seinem Verhalten gezeigt, dass er hier kein Protagonist hätte sein können. Aber wenn er mit anderem Geist und anderer Motivation zurückkehren kann, ist er natürlich willkommen», sagte Leblanc vor dem Start des Zeitfahrens am vorletzten Tour-Tag in Régnié Durette.

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