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20.07.2003 - Loudenvielle-Le Louron (dpa) - Die 90. Tour de France ist in den Pyrenäen zu einem Sekunden-Dreikampf geworden, in dem Lance Armstrong unter aufbieten aller Kräfte sein Gelbes Trikot noch ein Mal retten konnte.
Alexander Winokurow, der 6 km vor dem letzten Gipfel attackierte, war nach 191,5 km der 14. Etappe von Saint Girons nach Loudenvielle-Le Louron der Entthronung des des vierfachen Toursiegers ganz nahe. Aber als Tagesfünfter der zweiten von vier Pyrenäen- Etappen 41 Sekunden hinter dem Überraschungs-Sieger Gilberto Simoni (Italien) reichte es nicht ganz. Armstrong führt eine Woche vor Tour- Ende weiter mit der Winzigkeit von 15 Sekunden vor Jan Ullrich und nunmehr 18 Sekunden vor Winokurow.
Ullrich, der wiederum einen sehr starken Eindruck hinterließ und Armstrong im Griff zu haben schien, verzichtete auf entscheidende Tempoverschärfungen - wohl auch auf Rücksicht auf seinen Freund Winokurow. «Das stimmt nicht. Wir wollten Winokurow nicht das Gelbe Trikot schenken, was Jan noch gar nicht hatte. Wir hatten keine Lust auf ein Pokerspiel mit Armstrong», sagte Ullrich-Betreuer Rudy Pevenage. Ullrich selber wollte gar nicht reden. Nach der Etappe flüchtete er vor Fernseh-Kameras und Reporter-Blöcken, verschwand in Pevenages Auto und fuhr - von einem Wolkenbruch begleitet - davon.
Als Faustpfand für seinen möglichen zweiten Toursieg nach 1997 hat Ullrich das zweite Einzelzeitfahren am Samstag, auf das allerdings auch Armstrong trotz seiner Niederlage in Cap Découverte zu spekulieren scheint: «Wenn ich morgen mit Jan wieder mithalten kann, könnte das Zeitfahren die Entscheidung bringen. Die Leute, die mich jetzt schon abschreiben, sollen daran denken, was ich schon geleistet habe», meinte Armstrong.
Beim ersten Kampf gegen die Uhr hatte der 29-jährige Olympiasieger sein sensationelles Comeback bei der hundertjährigen Tour eingeleitet und Armstrong 1:36 Minuten abgenommen. Auf der 13. Etappe setzte Ullrich seine erfolgreiche Salami-Taktik fort. Als Etappenzweiter hinter Carlos Sastre (Spanien) in der Ski-Station Ax-3 Domaines schlug er weitere 19 Sekunden heraus. Am Sonntag gab es mit Armstrong ein totes Rennen.
«Das war für mich eine ganz harte Etappe. Ich habe alles gegeben und vorübergehend sogar geglaubt, das Gelbe Trikot zu bekommen. Leider habe ich es nicht ganz geschafft», sagte der erschöpfte Winokurow, der den Sprung an die Spitze wahrscheinlich bei einer zu Risiko armen Abfahrt verpasste. Dennoch hat er aus dieser äußerst schweren Pyrenäen-Etappe die Hoffnung gezogen, den großen Coup landen zu können. «Vielleicht kann ich ja der lachende Dritte sein, wenn Jan und Lance sich weiter so belauern.»
Die Fahrer hatten wieder Schwerstarbeit verrichten. Sechs Pyrenäen-Anstiege - dabei ging es auch 18 km durch Spanien - waren bei etwas erträglicheren Temperaturen als zuletzt zu meistern. Armstrong und Ullrich behielten sich gegenseitig immer im Auge. Die Etappe wurde von einer 17-köpfigen Spitzengruppe geprägt, in der anfangs auch die Telekom-Profis Rolf Aldag (Ahlen) und Daniele Nardello (Italien) fuhren.
Auch auf dem letzten Anstieg auf den Peyresourde, dem eine elf Kilometer lange Abfahrt ins Ziel folgte, änderten sich die Verhältnisse nicht mehr prinzipiell. Damit konnten auch die Ausreißer Simoni, der bisher so enttäuschende Giro-Gewinner aus Italien, und der «Berg-König» Richard Virenque (Frankreich) ihre Hoffnungen auf einen Etappensieg aufrecht erhalten. Im Sprint ließ Simoni Virenque keine Chance.
Der Tour-Neuling Gerolsteiner verlor mit seinem Kapitän Davide Rebellin (Italien), der völlig erschöpft war, und dem Österreicher René Haselbacher zwei Fahrer durch Aufgabe. Insgesamt stiegen sieben Profis vom Rad, so dass jetzt nur noch 154 Fahrer im Rennen sind. Doch das ist im Augenblick nur Beiwerk einer Tour, die zu der spannendsten ihrer 100-jährigen Geschichte zählt.
Armstrong gab sich wieder zuversichtlich: «Gestern war ein Krisentag. Heute habe ich mich viel besser gefühlt. Morgen gibt es bei der Bergankunft einen ganz wichtigen Tag.» Ob er bei der bevorstehenden schwersten Pyrenäen-Etappe, mit dem gefürchteten Tourmalet als Höhepunkt, attackieren werde, verriet der Amerikaner nicht: «Das hängt von der Tagesform ab.» Aber auch wenn aus seiner Sicht alles schief gehen sollte, und er die Tour verliert, würde er «nicht heulen und im nächsten Jahr zurückkommen».
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