Profi-Radsport

Doping:58 Fahrer angeblich identifiziert

In Straßburg beginnt das große Zittern

29.06.2006 - (sid) - Noch wurde die Katze nicht aus dem Sack gelassen, aber unmittelbar vor dem Start zur 93. Großen Schleife hat in Straßburg das große Zittern eingesetzt. Auch der Name von Jan Ullrich steht angeblich auf einer Liste mit 58 Radprofis, die laut Untersuchungsbericht der spanischen Behörden in die Doping-Affäre verwickelt sind. Sollten sich diese Informationen, die der spanische Radiosender Cadena Ser am Donnerstagnachmittag verbreitete, bestätigen, steht die Teilnahme des T-Mobile-Kapitäns an der am Samstag beginnenden Frankreich-Rundfahrt in Frage.

Pressekonferenz am Freitagmorgen

Auch die Namen von Ullrichs Teamkollegen Oscar Sevilla und Giro-Sieger Ivan Basso aus Italien wurden erwähnt. "Die Quelle scheint sicher zu sein. Wir müssen jetzt überlegen, was unser nächster Schritt ist. Wie haben Jan und Oscar nochmal befragt. Beide bleiben bei ihren Aussagen, nichts mit der ganzen Sache zu tun zu haben", erklärte T-Mobile-Pressesprecher Christian Frommert. Am Abend nahm er Abstand von diesen Aussagen und verwies auf den nächsten Tag: "Am Freitagmorgen werden wir die offizielle Liste der spanischen Behörden vorliegen haben." Bei T-Mobile ist eine Pressekonferenz für 9.30 Uhr angesetzt.

Auf dem Weg zur Tour-Präsentation reagierte Ullrich gestresst auf die bohrenden Fragen bezüglich der neuesten Doping-Enthüllungen: "Ich habe meiner Aussage nichts hinzuzufügen. Zu diesem Thema habe ich alles gesagt. Es ist natürlich belastend, wenn man zur Tour kommt und so bestürmt wird".

Aussagen der Tour-Leitung, wonach sich die Teamchefs auf einer Sitzung geeinig hätten, alle auf der Liste stehenden Fahrer von der Tour abzumelden, wollte T-Mobile-Teamleiter Rudy Pevenage nicht bestätigen: "Davon weiß ich nichts. Ich war auf keiner solchen Sitzung."

"Alle sind total aufgeregt"

Schon vor der konkreten Namensnennung hatte das große Zittern in Straßburg begonnen. "Alle sind total aufgeregt", sagte der sportliche Leiter des Teams Milram, Ex-Telekom-Profi Jan Schaffrath, dem Sport-Informations-Dienst (sid). Jan Ullrich, der am Mittwoch seine Anwälte gegen El Pais mobilisiert hatte, beteuerte weiter seine Unschuld. Er werde aber vorerst keine Haarprobe für einen DNA-Test abgeben: "Das will ich erst mit meinen Anwälten abklären, aber erst nach der Tour de France. Ab jetzt konzentriere ich mich voll auf das Rennen." Am Donnerstagmittag trat T-Mobile zum obligatorischen Medizin-Check aller Fahrer an.

Am Morgen hatte sich die französische Regierung eingeschaltet, um eine Skandal-Tour wie bei der Festina-Affäre 1998 mit aller Macht zu verhindern. Sportminister Jean-Francois Lamour bat Spaniens Sport-Staatssekretär Jaime Lissavetzky dringend um schnelle Aufklärung "möglichst noch vor dem Prolog, damit die Tour sauber starten kann". Beide wollten am Freitag zusammentreffen.

Der 500 Seiten umfassende Untersuchungsbericht der "Operacion Puerto" war von den Ermittlern am Mittwoch abgeschlossen worden. Am 23. Mai hatte die Guardia Civil in Madrid zahlreiche Beweismittel beschlagnahmt, darunter auch Blutkonserven mit der Aufschrift "Jan" sowie Notizen mit dem Code "Hijo Rudicio" (Rudis Sohn), die El Pais Ullrich und seinem sportlichen Leiter Rudy Pevenage zuordnete. Zwar gibt es auch andere Radprofis mit dem Vornamen Jan (Boven, Hruska, Kirsipuu, Svorada), keiner von ihnen aber hat einen "Rudi" an der Seite.

Neun Trainingskontrollen von Jan Ullrich

Im ARD-Fernsehen räumte Ullrich zum ersten Mal ein, die Angriffe auf ihn hätten "meine Moral getroffen" und seien Auslöser für seinen vorzeitigen Ausstieg beim Giro d´Italia gewesen. Die Beschuldigungen seien aber völlig ungerechtfertigt: "Allein in diesem Jahr bin ich bereits neunmal Trainingskontrollen unterzogen worden, dreimal so oft wie im letzten Jahr. Ich habe nichts zu verbergen und mit dem Fall in Spanien nichts zu tun."

Teamsprecher Luuc Eisenga bekannte: "Natürlich beeinträchtigen die Spekulationen die Stimmung, aber die sportliche Anspannung kurz vor dem Auftakt gewinnt doch die Oberhand."

Erik Zabel zeigte sich im ARD-Interview ebenfalls betroffen: "Ich liebe meinen Sport so sehr. Aber in diesen Tagen schämt man sich manchmal richtig, dass man dazu gehört." Nicht betroffen sein soll laut ABC die spanische Tourhoffnung Alejandro Valverde vom Team Caisse d´Epargne.

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