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06.08.2006 - Bad Tölz (dpa) - Die erst in höchster Not geschmiedete Anti-Doping-Koalition des deutschen Radsports unter Rudolf Scharping drückt aufs Tempo.
Fünf Wochen nach der Suspendierung Jan Ullrichs und eine Woche nach dem ersten «Runden Tisch» erarbeitete ein Gremium aus Teamchefs, Ärzten, Veranstaltern und Sponsoren einen beschlussfertigen Katalog von Maßnahmen. Er umfasst mehr und effektivere Doping-Kontrollen im Training und die Verpflichtung aller in Deutschland lizenzierten Fahrer, genetische Fingerabdrücke vorzulegen. Dazu soll spätestens mit Beginn der kommenden Saison ein ein vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) eingesetzter Vertrauensarzt die oberste medizinische Instanz bilden. Der Verband behält sich laut Scharping Sanktionen bei Verstößen gegen die neuen Richtlinien vor.
«Auf der Präsidiumssitzung am 31. August beschließen wir die gemeinsam beschlossenen Maßnahmen, ab 1. September treten sie in Kraft», sagte Verbandspräsident Scharping in Bad Tölz und demonstrierte erneut Entschlossenheit. Allerdings beschränkt sich die begrüßenswerte Initiative bisher auf den nationalen Bereich, auch wenn Scharping und die Beteiligten die Hoffnung hegen, dass «Deutschland zum Vorreiter im Anti-Doping-Kampf» wird, wie Hans-Michael Holczer, der Manager des Gerolsteiners Teams, erklärte. WDR-Intendant Fritz Pleitgen kündigte an, ermutigt durch die Ergebnisse des «Runden Tisches», dass die ARD weiter Radsport im Fernsehen übertragen werde.
«Wir wollen erreichen, dass es bei uns anfängt und weitergeht. Unsere Beschlüsse gehen an den Weltverband und es gibt Hinweise auf Kooperation: Italiener und Franzosen wollen mitziehen», sagte Scharping, der flankierend erneut ein Anti-Doping-Gesetz forderte: «Mir ist egal, ob es so heißt, Hauptsache es ist wirksam.» Zum Finale der Deutschland-Tour in Karlsruhe wird der UCI- Präsident Pat McQuaid erwartet.
Die beiden deutschen ProTour-Teams T-Mobile (zahlt bereits) und Gerolsteiner sowie die mit italienischer Lizenz, aber deutschem Geld fahrende Milram-Mannschaft sagten der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) finanzielle Unterstützung zu. Die NADA nimmt die Trainings-Kontrollen vor. «Ich schätze mit 500 000 Euro mehr könnten unsere beiden Labore in Köln und Kreischa mehr und intensivere Kontrollen vornehmen», sagte der ehemalige Verteidigungsminister, der ein Treffen mit DOSB-Präsident Thomas Bach, der als Gegner gesetzlicher, die Sportler sanktionierende Doping-Regelungen gilt, vereinbarte. «Die Finanzierung ist geklärt», sagte Holczer.
Am nächsten «Runden Tisch» nach der WM in Salzburg im September soll auch die NADA Platz nehmen. Scharping will erreichen, dass «50 Prozent mehr Kontrollen in der Trainingsphase» vorgenommen werden. Das System der Tests ist noch längst nicht flächendeckend. Die neue deutsche Radsport-Hoffnung Linus Gerdemann (23) vom T-Mobile-Team erklärte vor verdutzten Zuschauern im ZDF-Sportstudio, dass er in diesem Jahr noch nicht einmal in der Trainingsphase kontrolliert worden sei.
Die obligatorischen Kontrollen nach den Rennen sollen insofern verbessert werden, dass der zu testende Fahrer von Zieldurchfahrt bis Urin-Abgabe ständig von einem Aufpasser begleitet werden soll. Außerdem wollen die Team-Ärzte interne Blutvolumen-Kontrollen einführen, um Anhaltspunkte auf Eigenblut-Doping zu erhalten, das bisher noch nicht nachgewiesen werden kann. Bekanntlich soll Ullrich auch auf diese Weise manipuliert haben. «Wir stellen die Werte der Fahrer unabhängigen, internationalen Experten zur Verfügung und lassen uns auf diese Weise selbst kontrollieren», sagte T- Mobile-Teamarzt Lothar Heinrich, der nur «weiter machen will, wenn sich wirklich etwas ändert».
Scharping stellte sich vor die Teamärzte, denen - im Fall T-Mobile - womöglich systematisches Dopen von Ullrich und Oscar Sevilla verborgen blieb. «Der Generalverdacht hilft nicht. `Wir wollen einen offenen Informationsaustausch` haben die Ärzte zugesagt», erklärte Scharping, der sich an der internationalen Durchsetzbarkeit seines Maßnahmen-Katalogs und an der tatsächlichen Umsetzung im nationalen Maßstab messen lassen muss.
Auch Erik Zabel fühlt sich den «Fans verpflichtet. Wir sehen die Plakate am Straßenrand». Auf dem Weg nach Bad Tölz stand auf einem Transparent «Doper ins Gefängnis.»
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