Tour soll Bühne für Wüst-Rücktritt werden

11.01.2001  | 

Palma de Mallorca/Valencia (dpa) - Marcel Wüst nutzte die Tour de France im Vorjahr zum entscheidenden Karriere-Sprung aus dem Schatten Erik Zabels. Nach seinem tragischen Sturz am 11. August 2000 soll die Frankreich-Rundfahrt nun auch die Bühne für die offizielle Rücktrittserklärung des 33-Jährigen nach zwölf Profijahren sein.

Bis dahin hofft der auf seinem rechten Auge fast erblindete Kölner auf ein medizinisches Wunder: «Man soll die Hoffnung nie aufgeben, ich habe im Februar weitere Untersuchungen in der Uni-Klinik Köln. Vor meinem rechten Auge ist es genauso dunkel wie vor fünf Monaten». Der Gesetzgeber attestiere ihm eine «50 prozentige Behinderung».

An seinem momentanen Wohnort Mallorca hat Wüst schon leichtes Training absolviert. Sein lädiertes Auge, um das sich Ärzte in mehreren Operationen bemüht haben, ist fast geschlossen. Wüst will die Atmosphäre mit einem etwas derben Scherz auflockern: «Unrasiert siehst Du von der Seite wie Andrea Bocelli aus, sagt meine Frau immer.»

Nach seinem Unfall bei einem unbedeutenden Kriterium in Issoire in Südfrankreich bot ihm die Teamleitung eine Weiter-Beschäftigung im Management-Bereich an. Zurzeit verhandelt Wüst konkret darüber. Seine Referenzen sind überzeugend: Der Mann mit den schnellen Beinen, dessen große Erfolge im eigenen Land bis zum vergangenen Jahr nie richtig registriert wurden, ist kompetent und sympathisch. Er spricht fünf Sprachen fließend. Sein Teamkollege Andre Korff redet Klartext: «Mit seinen enormen Talenten kann Marcel bei uns im Team alles machen, vom Teamchef bis zum PR-Mann. Nur Rennen kann er nicht mehr fahren.»

«Zumindest als Zaungast bin ich bei der kommenden Tour wieder dabei. In welcher Funktion genau, weiß ich noch nicht», sagte Wüst, der sich im einstigen Skandal-Team bei Festina «als Teil einer Familie» fühlt, auch «wenn das ein bisschen nach Mafia» klinge. Den Festina-Prozess in Lille, bei dem sein ehemaliger Team-Kollege Richard Virenque gestanden hatte, systematisch gedopt zu haben, hat er «nur sporadisch» von Australien aus verfolgt. Das alles sei schließlich zwei Jahre her. «Tote soll man ruhen lassen», meinte Wüst, der vom Auslöser des größten Doping-Skandals der Radsport- Geschichte, Ex-Festina-Pfleger Willy Voet, in dessen Enthüllungsbüchern nie direkt mit dem mannschaftüblichen Doping in Verbindung gebracht wurde.

Wirtschaftliche Probleme hatte Wüst nach seinem Unfall, bei dem er sich schwerste Schädel- und Gesichtsverletzungen zuzog, nicht. «Meine Bezüge laufen weiter. Ich hatte natürlich eine Unfall-Versicherung, die nun zahlen muss. Aber es wird wohl nicht für eine Finca auf Mallorca reichen», sagte Wüst, der sicher gerne mit dem ehemaligen Telekomfahrer Bjarne Riis tauschen würde, der nach seinem erzwungenen Rücktritt nach einer Verletzung am Arm von der Versicherung 4,1 Millionen Mark kassierte.

Der Folgen schwere Sturz verhinderte auch, dass Wüst seine späte Popularität im eigenen Land auskosten konnte. Das erfolgreichste Jahr seiner Karriere, die im Juli in Frankreich mit dem Etappensieg in Vitre und der Erringung des Berg- und des Grünen Trikots einen späten Höhepunkt erlebte, endete so tragisch. «Ich hatte viele attraktive Angebote, in andere Teams zu wechseln», erinnert sich Wüst, dessen Nicht-Nominierung für die Olympischen Spiele sogar in der «Tagesschau» vermeldet wurde. Daran ist heute nicht mehr zu denken.

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