Profi-Radsport

94. Tour de France

Steegmans schneller als sein Kapitän Boonen

09.07.2007 - (dpa/sid/Ra) - Anfahrer Gert Steegmans hat seinem Quick Step-Kapitän Tom Boonen vor großer Kulisse in Gent das Heimspiel verdorben und das von einem Massensturz im Finale überschattete Belgien-Gastspiel der 94. Tour de France gewonnen. Der 26-jährige Belgier setzte sich im Schlussspurt des zweiten Abschnitts zwischen dem französischen Seebad Dünkirchen und Ostflanderns Hauptstadt Gent nach 168,5km vor seinem Landsmann und dem Italiener Filippo Pozzato (Liquigas) durch. Milram-Kapitän Erik Zabel wurde Siebter vor Heinrich Haussler vom Team Gerolsteiner.

In den Sturz rund zwei Kilometer vor dem Ziel waren auch Hausslers Teamkollege Robert Förster und den im Gesamtklassement führenden Prologsieger Fabian Cancellara (CSC) verwickelt. Der Schweizer verletzte sich am linken Arm. Nach ersten Untersuchungen gab der Teamarzt aber Entwarnung. Cancellara durfte sich bei der Siegerehrung unter Schmerzen wieder das Gelbe Trikot Trikot überstreifen. Zweiter ist mit 13 Sekunden Rückstand nach wie Andreas Klöden (Astana) vor dem Schotten David Millar (Saunier Duval). Alle Fahrer wurden zeitgleich gewertet, weil der Sturz innerhalb der neutralisierten Vier-Kilometer-Zone geschah.

Zu den Auslösern des Unfalls gehörte nach Aussagen von Robert Förster vermutlich Mark Cavendish vom Team T-Mobile, den am Vortag in seinem Heimatland ein Defekt kurz vor Etappenende zurückgeworfen hatte. «Bei Tempo 70 ist Cavendish in die Absperrgitter geknallt. Ich fiel über ihn und dann kamen immer mehr Fahrer geflogen», sagte der 29-jährige Leipziger, der am linken Arm und Bein blutete. «Mein Rad erkennt man nicht wieder», sagte Förster, dem noch ein Etappensieg bei der Tour fehlt - dann hätte er in allen drei großen Länder-Rundfahrten mit Tageserfolgen gepunktet. Cavendish hatte Glück im Unglück und kam nach Aussage seines Sportlichen Leiters Valerio Piva mit Prellungen an Knie und Ferse davon

Vor der spektakulären Massenkarambolage hatte lange Zeit Marcel Sieberg die Farben des Bremer Milram-Teams ins Rampenlicht gerückt. Der 25-jährige Westfale war auf den von Hunderttausenden gesäumten Straßen der belgischen Küstenregion in einer dreiköpfigen Führungsgruppe zusammen mit dem Spanier Rubén Pérez (Euskaltel) und dem Franzosen Cédric Hervé (Agritubel) 147km lang auf der Flucht und wurde erst 2,8km vor dem Ziel gestellt.

Die von den Zeitfahren abgesehen einzige Tour-Etappe ohne Bergpreise hatte am Montagmorgen bei regnerischem Wetter am Ärmelkanal begonnen. Erst als das geschlossene Hauptfeld die Grenze nach Belgien passierte, startete Tour-Debütant Sieberg bei Kilometer 18 einen Vorstoß. Dem in Castrop-Rauxel beheimateten 1,98 Meter langen Sieberg schlossen sich schnell Perez und Hervé an. Bei der Jagd durch West-Flandern und inzwischen wieder trockenem Wetter lagen die Ausreißer 100km vor dem Ziel mit maximal 5:50 Minuten vorn. Erst als das CSC-Team das Tempo im Peloton für Cancellara anzog, begann der Vorsprung des Trios zu schmelzen. Die drei Zwischensprints des Tages machten sie aber noch schiedlich-friedlich unter sich aus.

Den ersten Sprint in Boezinge entschied Herve vor Perez und Sieberg für sich, am zweiten holte sich Sieberg in Westende die sechs Sekunden für den Schnellsten vor Herve und Perez. Spurtsieger in Aarsele 28km vor dem Ziel wurde Perez vor Hervé und Sieberg.

Im Finale sprinteten nach dem schlimmen Sturz höchstens noch 20 Fahrer um den Sieg, darunter ein Großteil der Quick Step-Mannschaft. Auf der leicht ansteigenden Zielgeraden hatte Boonens Edelhelfer Steegmans eine derart hohe Geschwindigkeit, dass sein Kapitän nicht mehr an ihm vorbei kam. «Das war anders geplant, aber so was passiert schon mal. Boonen kam nicht mehr vorbei», kommentierte Steegmans Teamchef Patrick Lefevere den Rennausgang. Der schnelle Steegmans war im vergangenen Jahr für viel Geld vom McEwen-Team Predictor-Lotto an die Seite Boonens gewechselt. «Das war kein Geschenk. Ich freue mich für Gert, der seinen ersten Tour-Etappensieg feiern konnte», sagte Boonen, der im Ziel die Faust reckte, als hätte er selbst gewonnen.

Die Tour kehrt am Dienstag auf der mit 236,5km längsten der insgesamt 20 Etappen nach Frankreich zurück. Das Ende des belgischen Gastspiels wird im Startort Waregem eingeläutet, von wo der Kurs auf flacher Strecke zur französischen Grenze führt, die nach 45km bei Bleharies erreicht wird. Zielort in der Picardie ist Compiegne an der L'Oise, 80km nördlich von Paris, wo alljährlich der Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix gestartet wird.

Live-Ticker