Profi-Radsport

Jeder gegen jeden

Stuttgarter Chaos-WM schadet dem Radsport

30.09.2007 - Stuttgart (dpa/Ra) - Ausgerechnet ZDF-Chefredakteur Nikolas Brender und Stuttgarts Sportbürgermeisterin Susanne Eisenmann beklagen die Außendarstellung des Radsports bei der eigenen WM. „Der Radsport hat ein riesiges Strukturproblem. Er ist eine Skandalnudel und die Verbände sind Skandalnudeln“, sagte Brender der «Stuttgarter Zeitung».

«Es ist enttäuschend, dass der Sport gar nicht im Mittelpunkt stand, und die Chance auf einen glaubwürdigen Neuanfang so leichtfertig von den Verbänden vergeben wurde», behauptet WM-Organisationschefin Susanne Eisenmann, die selbst für Wirbel sorgte, wie es ihn noch bei keiner WM zuvor gegeben hat. Deshalb kann ihr Weltverbands-Präsident Pat McQuaid übereinstimmend mit den meisten WM-Teilnehmenrn «persönliche politische Profilierung und wirtschaftliche Interessen» vorwerfen.

Gerichtsprozesse, Klage-Drohungen, neue Doping-Enthüllungen, Querelen um zweifelhafte Ehrenerklärungen der Profis, heftige Wortgefechte zwischen Politikern und Funktionären und Schuldzuweisungen der Fahrer untereinander kennzeichneten die Stimmung beim eigentlichen Jahres-Höhepunkt des Welt-Radsports. Dabei hatte WM-Schirmherrin und Bundeskanzlerin Angela Merkel im offiziellen Programmheft noch an alle Mitwirkenden appelliert: «Verhalten Sie sich fair gegenüber ihren Mitbewerbern, dem Publikum und allen übrigen Beteiligten. Achten Sie die Anti- Doping-Bestimmungen.»

Für den Sportrecht-Experten Christoph Schickhardt sind McQuaid und BDR-Präsident Rudolf Scharping mitverantwortlich für die Misere des Radsports. «Die Funktionäre sind Teil des Problems», sagte der Anwalt am Sonntag im ZDF. Er traue Scharping nicht zu, die Politik des umstrittenen Dachverbandes UCI beeinflussen zu können, betonte Schickhardt, der viele Fußball-Bundesligisten rechtlich vertritt.

Dabei sollte alles besser werden. Die WM-Veranstalter hatten vor den Titelkämpfen vollmundig das «umfangreichste Kontrollprogramm» in der Geschichte des Radsports angekündigt. Mehr als 200 Dopingtests gab es vor dem WM-Start, im Vergleich zu den Wettkämpfen in Salzburg wurde die Zahl der Doping-Tests vor und nach den Rennen auf rund 130 verdoppelt. Doch dass - bisher - kein einziger Athlet während der WM positiv auf Doping getestet wurde, ging in den Stuttgarter Chaostagen unter.

Dafür ging das Spiel «Jeder klagt gegen Jeden» weiter. Der italienische Titelverteidiger Paolo Bettini kündigte wegen einer «Verleumdungskampagne» eine Klage gegen Stuttgart, das WM-Organisationskomitee und das ZDF an. Die WM-Stadt wiederum behielt sich wegen eines erwarteten Verlustes von «700 000 bis eine Million Euro» eine Schadenersatzklage gegen die UCI vor. Der Weltverband will seinerseits die «nötigen Schritte» einleiten, um von den Stuttgartern zurückgehaltene Gelder von 600 000 Euro zu erhalten.

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