Profi-Radsport

Interview

Ciolek: Wir sind auf dem richtigen Weg

09.11.2007 - (sid) - Gerald Ciolek hat seine erste Saison bei T-Mobile hinter sich. Der 21-jährige Kölner gilt als eines der größten deutschen Radsport-Talente und als potenzieller Nachfolger von Sprinterstar Erik Zabel. Ciolek wurde 2006 U23-Straßen-Weltmeister und wechselte zu Saisonbeginn vom Team Wiesenhof zu T-Mobile.

Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) nimmt Ciolek zur anhaltenden Dopingdiskussion, einem möglichen Ausstieg des Sponsors und zu seinen persönlichen Zielen Stellung.

Sie haben gerade Ihre erste Saison als Radprofi beim T-Mobile Team hinter sich, nun denkt man beim Hauptsponsor wegen der anhaltenden Doping-Debatte über einen Ausstieg nach. Befürchten Sie den Verlust Ihres Arbeitsplatzes?

Ciolek: Im Moment gehe ich davon aus, dass es auch im nächsten Jahr mit dem Team weitergeht. Natürlich leben wir im Profiradsport derzeit mit dem Risiko, dass sich Sponsoren abwenden, aber gerade unser Team hat ja den Kampf gegen Doping in diesem Jahr ernsthaft vorangetrieben. Ich denke, dass das auch Anerkennung findet.

Aber für ein Unternehmen, das Millionen investiert, kann es doch nicht attraktiv sein, wenn ständig das Thema Doping im Vordergrund steht. Wenn T-Mobile nun doch die Reißleine zieht?

Ciolek: Das wäre sehr schade. Denn ein Ausstieg würde nicht nur unseren Rennstall, sondern den gesamten Profiradsport in Deutschland gefährden. Da muss eigentlich jeder alles dafür tun, dass das nicht passiert.

Ihr Ex-Kollege Patrik Sinkewitz scheint sich darüber wenig Gedanken gemacht zu haben. Sein Doping-Fall und zuletzt die von ihm gegebenen Einblicke in die Doping-Praktiken bei T-Mobile bis zum letzten Jahr haben die Krise des deutschen Radsports nochmals verschärft. Wie haben Sie sein Geständnis empfunden?

Ciolek: Es war erstmal ein Schock, aber dann hat es mich auch verärgert. Denn was er gesagt hat, bringt uns ja nicht weiter. Was bei den Freiburger Ärzten lief, war ja schon bekannt. Und alle Aussagen beziehen sich auf die Zeit vor Ende letzten Jahres - aber genau da haben die Veränderungen begonnen.

Glauben Sie wirklich, dass der Radsport sauberer geworden ist?"

Ciolek: Man kann mich jetzt für blauäugig halten, aber ich denke schon, dass sich vieles verändert hat. Ich bin zwar erst seit diesem Jahr bei T-Mobile, aber das systematische Doping, das es in der Vergangenheit offensichtlich gegeben hat, ist heute, glaube ich, nicht mehr möglich. Wahrscheinlich wird man den Sport nie ganz sauber kriegen, aber mit dem Anti-Doping-Kampf, wie ihn T-Mobile betreibt, sind wir auf dem richtigen Weg.

Wie passt dazu die Verpflichtung von George Hincapie, der als langjähriger Helfer und guter Freund von Lance Armstrong eher für das alte System steht?

Ciolek: Nur weil einer Armstrong-Helfer war, ist er ja nicht gleich ein Verbrecher. Ich habe Hincapie bei unserem Teamtreffen im Oktober in Köln kennengelernt und finde ihn menschlich sehr nett. Mehr kann ich natürlich nicht sagen. Aber wenn er sich den teaminternen Regeln und Kontrollen unterordnet, ist das doch gut.

In allen Rennställen und Ländern ist man aber offenbar längst noch nicht so weit...

Ciolek: Es ist schade, dass das Problem nicht überall so ernst genommen wird wie in Deutschland. Trotzdem habe ich die Hoffnung, dass sich auch das allmählich ändert. Sicher: Hundertprozentig kann man wohl niemandem vertrauen - das ist im Radsport so wie in vielen anderen Bereichen des Lebens.

Ist es nicht frustrierend, wenn man von Gegnern geschlagen wird, die möglicherweise nicht sauber sind?

Ciolek: Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Ich habe ja trotzdem meine Erfolge, deshalb muss ich mir diese Gedanken nicht machen. Natürlich habe ich in diesem Jahr manchmal gedacht: Hört das denn nie auf? Aber den Kopf in den Sand zu stecken, käme für mich nicht in Frage. Dafür betreibe ich den Radsport mit zuviel Leidenschaft.

Hat Sie die ständige Doping-Diskussion nicht bedrückt?

Ciolek: Während der Saison konnte ich das ganz gut ausblenden. Aber jetzt, wo man mal alles sacken lassen konnte, merke ich schon, wie es auf Dauer zur Belastung wird. Wir müssen irgendwann dahin kommen, dass der Sport wieder im Vordergrund steht. Ich hoffe, ich kann dazu beitragen.

Mit drei Etappensiegen bei der Deutschland-Tour, dem Gewinn der Rheinland-Pfalz-Rndfahrt und dem dritten Platz bei den Hamburger Cyclassics waren Sie ja schon 2007 durchaus erfolgreich. Wie bewerten Sie Ihr erstes "richtiges" Profijahr?

Ciolek: Die erste Saisonhälfte lief nicht so gut. Zum einen war meine Form nicht die beste, zum anderen hatte ich auch ein bisschen Pech. Dafür war das zweite Halbjahr umso besser.

Wie sehen Ihre Ziele für 2008 aus?

Ciolek: Vor allem möchte ich diesmal auch schon in den ersten Monaten erfolgreich sein. Da habe ich besonders den Klassiker Mailand-San Remo auf dem Zettel. Vielleicht werde ich auch meine erste dreiwöchige Rundfahrt fahren. Ob das gleich die Tour de France sein wird, kann ich noch nicht sagen, das hängt von vielen Dingen ab."

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