Profi-Radsport

Olympia hat für Ullrich Vorfahrt

13.09.2000 - Sydney (dpa) - Vor vier Jahren musste er zwischen zwei Premieren wählen - und verzichtete auf Olympia. Jan Ullrich gab 1996 der Tour de France den Vorzug und ebnete in Frankreich mit Platz zwei und einem Sieg im abschließenden Zeitfahren seinen Weg zum Liebling der deutschen Sportfans.

Diesmal brach er als Vorjahressieger die Spanien-Rundfahrt ab, um für seinen ersten Olympia-Auftritt, bei dem er mit Gold im Einzelzeitfahren spekuliert, nicht zu viel Kraft zu verlieren.

«Ich freue mich riesig auf Sydney - ich will eine Medaille», sagt der 26 Jahre alte Weltranglisten-Erste aus Merdingen, der am 18. September nach Australien fliegt. Im Schwarzwald bringt er sich hinter dem Motorrad seines Trainer Peter Becker zusammen mit Andreas Klöden auf Touren.

Ullrich, der erst kurz vor dem Straßenrennen am 27. September in das Olympische Dorf einziehen wird, will helfen, die Bilanz der deutschen Olympia-Radler aufzupolieren. Vor acht Jahren gab es in Barcelona mit vier Gold- und zwei Silbermedaillen ein Traumergebnis, an dem die ehemaligen DDR-Stars großen Anteil hatten. In Atlanta herrschte Ernüchterung, lediglich Gold des Sprinters Jens Fiedler und Bronze der Verfolgerin Judith Arndt waren zu bejubeln.

In den 18 Rad-Disziplinen von Sydney (zwölf auf der Bahn, vier auf der Straße, zwei Mal Mountainbike) werden sich die 26 Starter des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) eher an 1992 orientieren als an den vergangenen Spielen. «Acht Medaillen sind drin», lautete eine Hochrechnung von BDR-Präsident Manfred Böhmer. Seine Prognose könnte eintreffen, auch, weil das olympische Programm im Vergleich zu 1996 um vier Disziplinen auf der Bahn (Keirin, Olympischer Sprint, Zweier-Mannschaftsfahren, 500-m-Zeitfahren Frauen) aufgestockt wurde.

Mit der größten Ausbeute können die Bahnfahrer rechnen, die sich bei der vergangenen WM in Berlin (drei Mal Gold, je vier Mal Silber und Bronze) international wieder in die Führungs-Position gefahren haben. Fiedler hat die einmalige Chance, als erster Sprinter zum dritten Mal in Folge Olympia-Gold zu holen. Sollte es in seiner Parade-Disziplin nicht klappen, könnte sich der junge Vater noch im Keirin oder Olympischen Sprint schadlos halten. «Wenn alles optimal läuft, kann ich drei Mal Gold holen», sagt der Chemnitzer.

Seit der WM von Berlin ist auch der Bahn-Vierer, der in Atlanta in der Qualifikation scheiterte, wieder eine Bank. Er wird nach dem Unfall-Tod Robert Langes in diesem Frühjahr von Bernd Dittert trainiert. Im Vierer und als Solist in der Verfolgung hat auch Doppel-Weltmeister Robert Bartko (Berlin) Gold im Visier. Der Laufpass durch das Team Telekom, das Bartko nach fester Zusage für 2001 nun doch keinen Vertrag geben wird, soll ihn beflügeln: «Ärgern kann ich mich darüber vielleicht später, jetzt habe nur Olympia im Kopf».

Mit Medaillen auf der Bahn im für 53 Millionen Mark erbauten «Dunc Gray Velodrome» liebäugeln zudem Judith Arndt aus Frankfurt (Oder) sowie Sören Lausberg (Berlin) und Stefan Nimke (Schwerin) im ersten Wettbewerb, dem 1 000-m-Zeitfahren am 16. September.

Bei den Straßenfahrern konzentriert sich das Haupt-Interesse auf die Tour-Asse Ullrich und Erik Zabel (Unna). Der diesjährige Tour-Zweite und amtierende Zeitfahr-Weltmeister Ullrich zählt zu den großen Favoriten für den 46,8 km langen Kampf gegen die Uhr am 30. September, mit dem die Rad-Wettbewerbe beendet werden. Zusammen mit Zabel, dem fünffachen Gewinner des Grünen Tour-Trikots, hat Ullrich auch im Straßenrennen eine Chance..

Die deutsche Rekordmeisterin und Weltranglisten-Dritte Hanka Kupfernagel (Berlin) hat im Zeitfahren und im Straßenrennen ebenfalls eine Medaille in den Beinen, was von den Mountainbikern in Fairfield eher nicht zu erwarten ist.

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