Profi-Radsport

«Täve» Schur wird 70

21.02.2001 -

Leipzig (dpa) - Ostdeutschlands Radsport-Idol Gustav-Adolf Schur, von allen nur «Täve» genannt, feiert am 23. Februar seinen 70. Geburtstag. Obwohl ihm der Rummel um seine Person sichtlich unangenehm ist und er am liebsten im Kreis seiner Familie anstoßen würde, herrscht in der 4 600-Seelengemeinde Heyrothsberge der Ausnahmezustand.

Ob Postbotin, Feuerwehrmann oder Prominente aus Politik, Kultur und Sport: Die Gratulanten werden sich im Hotel «Zwei Eichen» vor den Toren Magdeburgs die Klinke in die Hand geben. Denn der Pedaleur ist nicht nur Idol, sondern fast schon Kult.

Zum Volkshelden wurde «Täve» über Nacht durch seinen ersten Weltmeistertitel 1958, den er ein Jahr später sogar verteidigte. Millionen Landsleute feierten «ihren» Mann im Regenbogentrikot, und vom vielen Händeschütteln bekam er sogar eine «Haarwurzelentzündung in der rechten Hand». Schon damals war seine Popularität im Osten vergleichbar mit der eines Max Schmeling. Schur flatterten tausende Fan-Briefe ins Haus. «Darunter waren sogar Heiratsanträge, die habe ich aber abgelehnt», erinnerte sich der vierfache Familienvater.

Unvergessen sind auch seine Husarenritte bei der Friedensfahrt, die er 1955 und 1959 gewann. In die Herzen aller aber radelte sich der Mann mit der hohen Stirn bei der WM 1960 auf dem Sachsenring. Mit einer taktischen Meisterleistung hielt er den Belgier Willy Vandenberghen in Schach, so dass sein Teamkollege und Freund Bernhard Eckstein zum Weltmeistertitel fahren konnte. «Täve» holte Silber.

Schon 1956 bekam Schur, der sich heute noch als «überzeugter Sozialist» bezeichnet, reihenweise lukrative Angebote aus dem Westen. Doch seiner Maxime, nie für Geld zu fahren, blieb der Staatsamateur treu: «Meine Motivation waren die Menschen. Du weißt, dass sich Millionen mit dir freuen, und das war mein Antrieb.» Vom Profi-Radsport hält der bescheiden gebliebene Schur, der über 130 Siege einfuhr, nach wie vor nicht viel: «Die fahren doch für Zahnpasta und Hühneraugenpflaster, Hauptsache die Kohle stimmt.» In der DDR wurde Schur neun Mal in Folge zum «Sportler des Jahres» gewählt, mit noch mehr Stolz erfüllte den einst spurtstarken Fahrer die zweimalige Ehrung zum «Populärsten DDR-Sportler aller Zeiten», da dies die ehrlichste Sache der Welt sei.

An seinem Ehrentag wird «Täve» mit einem Gläschen Sekt zufrieden auf sein Leben zurückblicken. «Ich würde alles genauso wieder machen», resümierte der studierte Diplomsportlehrer, der 1964 seine Karriere beendete, mit seinem Rennrad aber heute noch tausende Kilometer pro Jahr abspult. Auch auf politischer Ebene hat sich Schur noch nicht zur Ruhe gesetzt. Der Mann, der als SED-Mitglied 32 Jahre der DDR-Volkskammer angehörte, sitzt seit 1998 als PDS-Fraktionsmitglied im Bundestag. Sein Parteien-Engagement ist nicht unumstritten. Nach der Wende wurde er wegen seiner Vergangenheit zur Zielscheibe für seine politischen Gegner. Aber Schur beharrt auf den alten Idealen: «Ich lasse mir nicht vorwerfen, in der falschen Partei gewesen zu sein. Es sind viele Fehler gemacht worden, aber die Grundidee war richtig.»

Volle Terminkalender, häufiges Reisen - doch nach dieser Amtsperiode soll endgültig Schluss sein. Denn «Täve», der 100 Jahre alt werden will, hat noch einiges vor. «Ich möchte endlich das Leben genießen», berichtete er und bekam glänzende Augen. «Mein Traum ist, mit meiner Frau Renate mit einem Wohnmobil durch die nordischen Länder zu reisen.» Natürlich mit einem Rennrad im Gepäck.