Profi-Radsport

96. Tour de France

Gesamtklassement ohne Gewähr?

26.07.2009 - Paris (dpa) - Für das Gesamt-Klassement der 96. Tour de France gilt die Lotto-Losung: Ohne Gewähr. Denn zu oft mussten die Annalen der Frankreich-Rundfahrt in den Vorjahren umgeschrieben werden, weil den Fahndern nachträglich ein prominenter Doper ins Netz gegangen war.

"Die Radfahrer sollten sich nicht sicher sein, ob das Endergebnis für die Ewigkeit Bestand haben wird", sagte der Kölner Dopinganalytiker Wilhelm Schänzer. Ein junger Fahrer wie Tony Martin wähnt den Radsport nach der skandalfreien Tour hingegen auf dem richtigen Weg. Kritikern schrieb er ins Stammbuch: "Von der Stimmung `Wer schnell fährt, ist gedopt` sollten wir abkommen."

Doch ein Blick ins Tour-Geschichtsbuch zeigt: Skepsis ist angebracht. 2006 ließ sich Floyd Landis auf den Champs Elysées im Gelben Trikot feiern - wenige Tage später wurde der US-Amerikaner des Testosterondopings überführt und der Spanier Oscar Pereiro als Gesamtsieger notiert. Im Vorjahr waren Stefan Schumacher und Bernhard Kohl die strahlenden Gerolsteiner-Helden. Dann kam im Oktober der CERA-Befund - die beiden Zeitfahrsiege des Nürtingers und Kohls dritter Gesamtrang sind längst aus der Tour-Historie gestrichen.

Und auch bei dieser Tour, bei der Alberto Contadors Leistungen manche Beobachter wie den dreifachen Champion Greg LeMond ungläubig staunen ließ, muss man abwarten. Vor allem der Fall Danilo di Luca, der beim diesjährigen Giro d`Italia als Doper entlarvt wurde, ließ aufhorchen. Der Giro-Zweite war Ende Mai zweimal positiv auf das EPO-Präparat CERA getestet worden, erst acht Wochen später während der Großen Schleife erfuhr die Öffentlichkeit von dem Befund. Legt man die gleiche Zeitspanne zwischen Test und Bekanntgabe als Maßstab an, könnte der Tour im Oktober eine Doping-Nachlese - und damit ein verändertes Klassement - bevorstehen. "Man hofft, dass hier alle gelernt haben. Aber es ist halt nur eine Hoffnung, denn wir wurden alle schon getäuscht", sagte Columbia-Sportdirektor Rolf Aldag, selbst ehemaliger Doper.

Für Milram-Teamchef Gerry van Gerwen sind derartige Befürchtungen "Komplott-Theorien". Er habe - anders als etwa 2008 beim später als Doper überführten Italiener Riccardo Ricco - keine merkwürdigen Dinge gesehen, bei denen er dachte: "Hoppla, Wo kommt der denn her?" Auch sein dänischer Saxo-Bank-Kollege Bjarne Riis ist sich sicher, dass die "blöden Leute" weniger werden: "Wir sind auf dem richtigen Weg."

Konfrontiert man sie mit solchen Aussagen, können Dauerkritiker wie Werner Franke nur sarkastisch auflachen. Dass es bei der Tour bislang keinen Dopingfall gegeben habe, heiße überhaupt nichts, sagte der Heidelberger Molekularbiologe. Mit den jetzigen Tests würde einfach nichts erkannt werden. Nach wie vor gehöre Doping - auch bei der 96. Ausgabe der Großen Schleife - zum Inventar des Radsports. "So war es und so ist es", meinte Franke.

So weit würde Schänzer nicht gehen, aber auch der Forscher vom Kölner Institut für Biochemie ist vorsichtig. Es gebe nach wie vor "eine Dunkelziffer von Verfahren, die nicht nachweisbar sind", die aber eventuell später in eingelagerten Proben entdeckt werden könnten, sagte Schänzer. Die Information, dass es Nachkontrollen gebe, habe sicher abschreckend auf potenzielle Betrüger gewirkt. Den Chronik-Schreibern aber rät er: "Man muss abwarten, ob im Nachhinein etwas bekannt wird."

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