Profi-Radsport

Lindner: Zülle aus Reserve locken

23.03.2001 -

Mailand (dpa) - Das zweite deutsche Radsport-Elite-Team Coast will Erik Zabel und Telekom das Leben bei Mailand-San Remo schwer machen. Teamchef Wolfram Lindner, 20 Jahre Erfolgstrainer in der DDR und danach bei den Schweizer Profis, will seinen Top-Fahrer Alex Zülle beim Weltcup-Auftakt «aus der Reserve locken».

Der Schweizer Ex-Weltmeister im Zeitfahren und zweimalige Gewinner der Spanien-Rundfahrt sei «hoch motiviert». Coast-Chef Lindner: «Ich hoffe auf einen anderen Rennverlauf als in den letzten Jahren, in denen es immer eine Sprint-Ankunft gab. Ich habe Alex überzeugt, dass er auch Eintages-Rennen gewinnen kann.» Als Empfehlung bringt Zülle seinen Etappensieg von Paris-Nizza mit nach Italien.

Für den Mailand-San Remo-Veranstalter, die Sportzeitung «Gazzetta dello Sport», ist Zabel «auch in diesem Jahr der einzige Favorit». Allerdings werde «ein offenes Rennen, wie lange nicht mehr» erwartet, schrieb das Blatt. Einen Tag vor dem Startschuss trainierte Zabel («Ich habe seit Trainingsbeginn im Dezember rund 18 000 Kilometer in den Beinen») knapp drei Stunden. Der Berliner behauptet zwar, «1997 vor meinem ersten Erfolg war ich der klarste Favorit in den letzten Jahren», ließ aber an seinen Ambitionen keinen Zweifel: «Ich will den vierten Sieg.»

Auch wenn Lindner Zülle fordert, hat der Trainerfuchs den ersten Form-Höhepunkt des sensiblen Schweizers, der 1998 zu einem der Hauptakteure des Doping-Skandals bei der Tour de France gehörte, für den kommenden Monat berechnet. Dann sollen weitere Coast-Siege die Organisatoren der Tour milde stimmen, damit das Team des Essener Textilunternehmers Günther Dahms noch eine der vier Wild Cards erhält. Lindner befürchtet nicht, dass Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc - um Zeichen zu setzen - auf prominente Fahrer «mit Vergangenheit» wie Zülle, Marco Pantani oder Laurent Jalabert verzichtet. «Die Tour-Organisatoren wollen doch nur eines: Die besten Fahrer der Welt. Wenn wir gut fahren, sind wir dabei, das ist doch logisch. Die alten Dinge sind abgehakt», sagte Lindner.

Im Kampf gegen Doping sieht der 60-Jährige Fortschritte. «Ich habe den Eindruck, dass eine ganze Menge Leute begonnen haben, ihr Gehirn einzuschalten. Ich bin überzeugt, auch nach einem Gespräch mit Leblanc, dass entscheidende Dinge im Kampf gegen Doping eingeleitet wurden», meinte Lindner, der die einstigen DDR-Stars Uwe Ampler und Olaf Ludwig formte und Bücher über Trainingslehre schrieb. Für Lindner sind in dem Bemühen um saubereren Sport «nicht die Rennfahrer das Problem, sondern ihr Umfeld».

Bei der Präsentation der Coast-Mannschaft, für die Dahms pro Saison rund zehn Millionen Mark zur Verfügung stellt und sich jetzt die finanzielle Hilfe eines Co-Sponsors sicherte, wollte Zülle im Februar im Berliner Reichstag nur sehr ungern auf die Vergangenheit angesprochen werden. Der Brillenträger, der 1998 im Polizeigewahrsam die Einnahme von Wachstumshormonen und EPO gestanden hatte, komme längst ohne verbotene Substanzen aus, auch, weil er unter Lindner viel weniger Rennen als früher bestreiten müsse. Bei der enormen Belastung von bis zu 150 Renntagen im Jahr sei laut Zülle der Griff zur Pille für manche Kollegen eine große Versuchung.