Eindrücke aus Austin

Armstrong: Die Gelben Trikots liegen im Keller

Von Stefan Rothe aus Austin, Texas


Im Media-Raum des Luxus-Hochhauses „360“ | Foto: Stefan Rothe

19.01.2013  |  (rsn) - Austin am Donnerstagabend. Direkt gegenüber von „Mellow Johnny’s“, Lance Armstrongs Fahrradladen, treffen sich 15-20 lokale Radsportler im Media-Raum des Luxus-Hochhauses „360“ auf Pizza & Bier – und um sich das Armstrong-Winfrey-Interview anzusehen.

Pünktlich um acht erscheinen Oprah und ein cooler, aber erkennbar nervöser Armstrong auf dem Bildschirm. Die vier „Ja“-Antworten von Armstrong gleich zu Beginn bringen den Media-Raum zum schweigen. Viele Radsportler und Radsportfreunde hier vermuteten und glaubten, dass Armstrong gedopt hat. Aber es direkt aus dem Mund von dem „American Hero“ zu hören, ist schon etwas Anderes. Das jahrelange Leugnen hat ein Ende, Lance legt die Karten auf den Tisch - auch wenn Oprah Winfrey oft ziemlich nachbohren und ihn teilweise daran erinnern muss, „Klartext zu reden“ oder seine Antwort noch einmal anders, deutlicher zu formulieren.

Wenn Armstrong gefragt wird, ob er denn 2009 und 2010 zu Dopingmitteln gegriffen hat – in dieser Zeit ist er immerhin auf Platz drei (2009) und 23 (2010) bei der Tour de France gefahren - schweigt der Raum wieder. Armstrongs Antwort: „Nein, absolut nicht“ Die meisten lachen, und viele sagen „Ach komm, hör doch auf.“ Die Reaktion des Publikums spricht für sich. Viele können es nicht glauben, dass jemand, der über ein Jahrzehnt systematisch und professionell gedopt hat, plötzlich sagt, „Es geht auch ohne“ und bei seinem Comeback 100 Prozent sauber fährt.

Auch beim Thema Tour de Suisse 2001 bleibt Armstrong unglaubwürdig. Selbst wenn mehrere seiner Ex-Teamkollegen wie Tyler Hamilton bestätigten – unter Eid wohlgemerkt –, dass Armstrong bei einer der Etappen der Schweiz-Rundfahrt positiv auf EPO war und zusammen mit dem Kontroll-Labor und der UCI den entsprechenden Test hat „verschwinden“ lassen, bestreitet er bei Oprah, damals in der Schweiz positiv getestet worden zu sein.

Scott Dill, ein Kreditberater und Amateur-Radfahrer in Austin, meint: „Es ist schade. Schade mehr für den Sport an sich. Aber irgendwie lieben die US-Amerikaner die Geschichte des ‚gefallenen Helden‘. Ich denke nicht, dass die Leute, die ihn (Lance Armstrong) vor diesem Interview noch voll unterstützt und an ihn geglaubt haben, sich jetzt zum 180 Grad drehen und ihn hassen.“

Armstrong hatte in Austin großen Einfluss, und zwar auf mehreren Ebenen. Es gibt die Livestrong-Stiftung, die er 1997 gegründet hat, sein Fahrradladen „Mellow Johnny’s“ in Downtown Austin ist einer der populärsten der ganzen Stadt. Und nach Armstrong wurden sogar wurden sogar Radwege benannt.

Die Zukunft wird entscheiden, ob und wie viel an Popularität der berühmteste Sohn der Stadt jetzt verloren hat. Seine Krebs-Stiftung musste sich komplett von ihm lossagen. Die Entschuldigung vor 100 Mitarbeitern am Montag wurde zwar angenommen, aber in einer Presse-Erklärung nach dem Interview heißt es: „Wir sind enttäuscht über die Tatsache, dass Lance Armstrong uns und Andere über die Jahre hinweg so getäuscht hat.“

Und sogar bei „Mellow Johnny’s“ wurde reagiert: Die Gelben Trikots, die einst die Wände des Radladens zierten, sind jetzt nur noch im Keller zu sehen - zusammen mit den vielen originalen TREK-Fahrrädern, die Armstrong bei „seinen“ Tours benutzt ist.

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