Tour: Italiener baut Gesamtführung aus

Nibali legt in Chamrousse eine Ein-Mann-Show hin

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Vincenzo Nibali (Astana) siegt in Chamrousse. | Foto: Cor Vos

18.07.2014  |  Chamrousse (rsn/dpa) - Vincenzo Nibali (Astana) zupfte in aller Ruhe sein Trikot zurecht und rollte in gewohnter Jubelpose ins Ziel. Als der 29-jährige Italiener in 1730 Metern Höhe die Alpen-Skistation Chamrousse erreicht hatte, war von seinen letzten verbliebenen Konkurrenten weit und breit nichts zu sehen.

„Ich bin vielleicht in der Form meines Lebens, weil ich in diesem Jahr einen guten Saisonaufbau hatte. Ich habe zwar nicht die großen Resultate erzielt, aber alles war auf das große Ziel Tour de France ausgerichtet“, erklärte Nibali, der im Ziel sogleich von seinem Teamchef Alexander Winokurow beglückwünscht wurde. Der Olympiasieger, der als Profi selbst nie in Gelb gefahren war, darf nun vom Coup in seinem zweiten Jahr als Astana-Boss träumen: „Ein großer Tag für uns. Das Team hat einen guten Job gemacht. Im Schlussanstieg hat Vincenzo die Sache dann in die Hand genommen. Er hat heute klar gezeigt, dass er der Stärkste ist, aber morgen ist auch wieder ein harter Tag“, sagte der 40-Jährige.

Keine Frage: Die 101. Tour de France entwickelt sich zur Ein-Mann-Show. Nibali, der auf der heutigen 13. Etappe bereits seinen dritten Tagessieg bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt einfuhr, baute seine Führung im Gesamtklassement auf 3:37 Minuten vor dem neuen Zweitplatzierten Alejandro Valverde (Movistar) aus. Der Spanier hatte Chamrousse als Vierter erreicht.

Ein Debakel erlebte dagegen der Australier Richie Porte (Sky). Der bisherige Gesamtzweite brach im Schlussanstieg ein und kam mit knapp neun Minuten Rückstand ins Ziel. Damit ist für das britische Sky-Team der Traum vom dritten Tour-Sieg in Folge endgültig ausgeträumt.

„Ich habe wahrscheinlich die Hitze nicht vertragen. Das war wahrscheinlich der Grund für meinen großen Rückstand“, erklärte Porte, der die Rolle des bereits ausgeschiedenen Titelverteidigers Froome übernehmen sollte, nun aber chancenlos ist.

 

Zwei energische Tempoverschärfungen auf dem 18,2 Kilometer langen Schlussanstieg reichten Nibali, um zunächst Valverde abzuhängen, und zweitens den Tagessieg vor dem Polen Rafal Majka (Tinkoff-Saxo) und dem Tschechen Leopold König vom deutschen Team NetApp-Endura klar zu machen. Der 34-jährige Valverde erkannte Nibalis Überlegenheit an und scheint sich mit Platz zwei zufriedenzugeben.

„Ich habe als Erstes angegriffen, bin an mein Limit gegangen, aber als Nibali beschleunigt hat, konnte ich nicht folgen. Ich bin heute Abend Zweiter in der Gesamtwertung. Das ist sehr gut“, meinte der Movistar-Kapitän, dem allerdings die beiden Franzosen Romain Bardet (Ag2R/4:24) und Thibaut Pinot (FDJ.fr/+4:40) im Nacken sitzen.

Die erste von diesmal nur Alpenetappen entwickelte sich zu einer wahren Hitzeschlacht. Bei Temperaturen von 37 Grad ging es vom Start weg zur Sache, doch es dauerte bis zum Kilometer 50, ehe sich die Gruppe des Tages etabliert hatte. Die Franzosen Brice Feillu (Bretagne-Séché Environnement) und Blel Kadri (AG2R), die Italiener Giovanni Visconti (Movistar), Alessandro De Marchi (Cannondale) und Daniel Oss (BMC), der Kroate Kristijan Durasek (Lampre-Merida) und der Pole Bartosz Huzarksi (NetApp-Endura) lösten sich im Col de la Croix de Montvieux (3. Kat.), dem ersten von drei Bergen des Tages, und erhielten in der Abfahrt nach 41 gefahrenen Kilometern noch Unterstützung vom Belgier Jan Bakelants (Omega Pharma-Quick Step) und Rudy Molard (Cofidis), einem weiteren Franzosen.

In der nun folgenden langen Flach-Passage baute die Gruppe ihren Vorsprung auf bis zu fünf Minuten aus, doch Joaquim Rodriguez‘ Katusha-Team sorgte dafür, dass es nicht mehr wurden und dampfte – dabei später von Europcar unterstützt - den Rückstand noch vor dem Col de Palaquit (1. Kat.), der bei Kilometer 152 anstand, auf eine Minute ein. Die Arbeit sollte sich später als wertlos erweisen, denn Rodriguez verlor im Schlussanstieg den Anschluss und musste sein Bergtrikot schließlich an Nibali abtreten.

Als es in den14,1 Kilometer langen und im Schnitt 6,1 Prozent steilen Col de Palaquit hinein ging, verkleinerte sich die Spitzengruppe, bis nur noch Kadri und Bakelants übrig blieben – zu denen allerdings wieder De Marchi aufschloss, um sie dann sogar stehenzulassen. Sagans Teamkollege konnte seinen Vorsprung gegenüber dem Feld mit den Favoriten, in dem Astana ein eher moderates Tempo vorgab, sogar etwas ausbauen.

An der Bergwertung lag De Marchi 1:11 Minuten vor Bakelants, der Kadri abgeschüttelt hatte und am Gipfel sein Rad wechselte, und 1:37 Minuten vor dem Spanier Luis Angel Maté (Cofidis), der sich im Anstieg aus dem Feld gelöst hatte, das drei Minuten nach dem Italiener den Gipfel überquerte.

In der Abfahrt verlor Nibali seinen wohl wichtigsten Helfer Jakob Fuglsang. Der Däne rutschte in einer Linkskurve weg, konnte das Rennen – wenn auch sichtlich gezeichnet – zumindest fortsetzen.

In der 14 Kilometer langen Abfahrt und dem ebenso langen Flachstück wuchs der Vorsprung des Spitzenreiters noch etwas an, bis auf gut 3:30 Minuten am Zwischensprint in Saint-Martin-d’Hères 28 Kilometer vor dem Ziel.

Im Feld wurde jetzt wieder das Tempo angezogen. FDJ.fr setzte sich an die Spitze und drückte den Rückstand auf De Marchi bis zum Fuß des 18,2 Kilometer langen Schlussanstiegs auf zwei Minuten, wo dann Valverde, der bisher eine sehr dezente Tour fuhr, seine Helfer nach vorne schickte.

Doch nachdem Bakelants 16 Kilometer vor dem Ziel gestellt war, scherte mit John Gadret der letzte von Valverdes Helfern schon kurz darauf aus. Nun setzte sich Tanel Kangert, Nibalis Edelhelfer bei dessen Giro-Sieg 2013, sich an die Spitze der nur noch rund 20 Fahrer starken Favoritengruppe und sorgte dafür, dass auch De Marchi kurz eingeholt war.

Als Porte überraschend früh Probleme bekam und aus dem Feld herausfiel, eröffnete Pinot zwölf Kilometer vor dem Ziel mit seiner Attacke die entscheidende Rennphase. Valverde und Nibali parierten den Angriff des 24-Jährigen, nicht aber den von König.

Der NetApp-Kapitän nutzte elf Kilometer vor dem Ziel das gegenseitige Belauern der Favoriten aus und zog davon, allerdings mit Majka im Schlepptau, der allerdings keine Führungsarbeit leistete. Trotzdem fuhr sich das Duo einen kleinen Vorsprung heraus, ehe Valverde mit einem mächtigen Antritt vor allem Nibali loszuwerden versuchte.

Doch das Gelbe Trikot fuhr die kurzzeitig entstandene Lücke nicht nur zu, sondern ließ auf den letzten sechs Kilometern auch Valverde und Pinot stehen, fuhr zu König und Majka vor, um auch diese beiden mit einer weiteren Tempoverschärfung abzuschütteln und seinen dritten Tagessieg bei dieser Tour einzufahren.

Zehn bzw. elf Sekunden hinter Nibali sicherten sich Majka und König die Plätze zwei und drei, Valverde, der sich Pinots Unmut zugezogen hatte, weil er sich nicht an der Nachführarbeit beteiligte, kam 50 Sekunden hinter dem Sieger als Vierter ins Ziel, Pinot (+0:53) wurde Fünfter.

 

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