Janorschkes Algarve-Tagebuch / 4. Etappe

Meine "Körner" mal wieder auf Portugals Straßen gelassen

Von Grischa Janorschke


Grischa Janorschke (Roth) | Foto: Team Roth

20.02.2016  |  (rsn) – Die Algarve-Region präsentierte sich heute von ihrer schönsten Seite: blauer Himmel, 19 Grad und am Start & Ziel Zuschauermassen - die Portugiesen scheinen ein wirklich Radsport begeistertes Volk zu sein.

Ich bin die Rennen in den Emiraten/Golf-Staaten selber noch nicht gefahren - wie man aber in den Videos und den Bildern von dort unschwer erkennen kann, sind anscheinend selbst im Zielbereich quasi keine Zuschauer. Dazu ist das dann hier das absolute Kontrastprogramm (Video vom heutigen Zieleinlauf).

Heute standen 194 Kilometer an, die ersten 100 verliefen wellig und mit einigen Bergen durch das Landesinnere, dann ging es an der spanischen Grenze entlang zum Meer und die letzten knapp 25 Kilometer quasi parallel zum Meer nach Tavira.

Wie bei den ersten Etappen hatten wir auch heute zwei Ziele. Zunächst wollten wir, dass Bruno bei seinem Heimrennen die Chance behält, morgen seine Position im Gesamtklassement noch etwas zu verbessern. Er ist natürlich auf heimischen Boden super motiviert, dazu sind seit gestern auch seine Frau mit seinen zwei Kindern hier. Ich denke, da geht noch was... Als zweites Ziel wollten wir im Finale mit Andrea Pasqualon ein Ergebnis rausholen, und heute klappte beides. Bruno verlor keine Zeit und "Paste" wurde Sechster.

Doch bevor es ins Finale und um den Sieg ging, wollte die Gruppe des Tages erstmal wieder besetzt werden. Nachdem das bei der Etappe vor dem Zeitfahren durch den Gazprom-Rusvelo-Auftritt ein ziemliches "Theater" gewesen war, war ich schon gespannt darauf, wie es heute laufen würde. Wir hielten uns gleich ganz aus der Sache raus, denn mit Kittel & Greipel im Feld und geringen Abständen im Klassement gingen die Chancen für einen erfolgreichen Fluchtversuch gegen 0.

Als es dann die ersten drei Kilometer aus dem Startort raus ging, fanden sich tatsächlich viele blaue-Gazprom-Trikots in den ersten Reihen und sie wurden von dem einen oder anderen Fahrer von größeren Teams freundlich darum "gebeten", doch heute die Gruppe nicht zu verpassen.

Km 0 - erste Attacke, sieben Mann, einer von Gazprom drin - alle zufrieden, wir rollten dahin. Die Gruppe schien schon zu stehen, doch dann fiel Caja Rural ein, dass sie auch mit dabei sein wollten - also doch wieder nichts mit einer ruhigen Startphase, wie immer eigentlich bei dieser Algarve-Rundfahrt.

Caja Rural holte die Gruppe zurück und das Spiel begann von vorne - es lösten sich dann nach kurzem Kampf vier Fahrer und dann war erstmal Ruhe im Peloton angesagt. Gazprom war wieder drin - vier Mann waren für Lotto & Etixx gut zu kontrollieren.

Danach ging es wie immer hier kreuz und quer, hoch und runter quer durchs Land, steile Rampen und steile Abfahrten. Und genau so eine steile Rampe wurde André Greipel zum Verhängnis. Die Spitze des Feldes fährt mit hohem Tempo in die Steigung und dann bildet sich je nach Steigung ein paar Positionen weiter hinten ein "Rückstau".

Alle bremsen hart ab und müssen etwas warten, bis dann sie hoch fahren können - bei den Klassikern in Belgien passiert das auch oft. Jedenfalls krachte es rund 50 Kilometer vor dem Ziel in so einer Situation und ein paar Fahrer gingen zu Boden. Zunächst dachte ich, dass vorne Etixx & Lotto, die sich bis dahin die Führungsarbeit teilten, ruhiger machten, damit die Gestürzten wieder einfach aufschließen können.

Aber es trat genau das Gegenteil ein - Etixx gab Gas. Ob das nun war, um Gringo das Rankommen zu erschweren, oder einfach nur, um auf diesem welligen und kurvenreichen Streckenabschnitt das Feld lang zu machen, weiß ich natürlich nicht.

Auf den letzten zehn Kilometern wurde nach und nach das Tempo gesteigert. Zunächst machten Movistar und Lotto-Soudal die Pace. Etwa fünf Kilometer vor dem Ziel schraubte dann LottoNL-Jumbo das Tempo hoch - bis kurz darauf dann Etixx das Zepter übernahm und das Finale so richtig eröffnete. Bruno und Matthias Krizek hielten "Paste“ und mich in dieser Phase super lange aus dem Wind.

Je näher das Ziel rückte, umso hektischer wurde es natürlich auch, und in einem der vielen Kreisverkehre "verloren" wir uns. Ich wartete kurz und dann ging es für mich raus in den Wind - kurz vor dem letzten Kilometer konnte ich "Paste“ beim Etixx-Zug abliefern. Er konnte sich m Sprint auf der ansteigenden Zielgeraden gut behaupten und für sich und das Team sein erstes Ergebnis der Saison einfahren.

Heute steht für mich gleich noch die Massage an, die ich wiedermal bitter nötig habe, und dann werde ich früh schlafen, die letzten Tage haben ihre Spuren hinterlassen. In der Heimat feiert heute ein Kumpel seinen 30. Geburtstag und mein Freund Hans macht momentan mit seiner "Jura-Gang" Österreich auf- und abseits der Ski-Piste unsicher - für beides hätte ich heute definitiv keine Energie mehr. Meine "Körner" habe ich heute mal wieder auf Portugals Straßen und  im Wind gelassen.

Allen einen schönen Samstagabend und viele Grüße,

Grischa

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