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24.08.2008 - Peking (dpa) - Sabine Spitz konnte es sich leisten, zwei Meter vor dem Ziel abzusteigen. Sie stemmte ihr Rad im Überschwang hoch und trug es über die Linie. «Mountainbike hat unsere Olympia-Bilanz zwar nicht gerettet, aber vergoldet», konstatierte Burckhard Bremer, Sportdirektor des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), und verneigte sich symbolisch vor der Olympiasiegerin aus Murg-Niederhof. Die 36-Jährige war in einem unvergleichlichen Parforceritt auf ihren Karriere-Gipfel gestürmt, hatte der Konkurrenz im Mountainbike nicht die Spur einer Chance gelassen und mit 41 Sekunden Vorsprung vor der Polin Maja Wloszczowska gewonnen. «Da war nur pure Freude», beschrieb Sabine Spitz nach fast zweistündiger Schwerstarbeit im Laoshan-Park ihre ersten Gefühle nach dem Triumph.
Sie hatte ihre Prophezeiung in die Tat umgesetzt und sich auch von einem Sturz kurz vor Schluss, als eine Pedale einen scharfkantigen Stein schrammte, nicht aus der Bahn werfen lassen. «Ich will Gold», hatte die Olympia-Dritte von Athen vor dem Rennen erklärt und ihre Mission mit einem Start-Ziel-Sieg erfüllt. «Bei Olympia Gold zu gewinnen, ist das Größte. Das ist Wahnsinn. Ich war schon oft Zweite.» Als letzte deutsche Radsportlerin hatte Petra Roßner 1992 in Barcelona Gold geholt.
In Peking konnte der BDR auf einen kompletten Medaillensatz mit Gold, Silber Bronze blicken - mehr war nach der Pleite auf der Straße und dem leichten Aufwind auf der Bahn nicht drin. «Unsere Zielstellung waren fünf Medaillen, eine weniger als in Athen. Ich bin deshalb nicht zufrieden, aber Sabine Spitz hat uns ein bisschen versöhnt», sagte Bremer.
Der Spitz-Vorgabe konnte Manuel Fumic (Kirchheim/Teck) nicht folgen. Er belegte im Männer-Rennen nach einem Reifendefekt auf der achten und letzten Runde den 11. Platz. Die Franzosen feierten Gold und Silber mit Fabien Absalon und Jean-Christophe Peraud. Die Bronzemedaille ging an den Schweizer Nino Schurter. Zuvor hatte Sabine Spitz ihre 29 Gegnerinnen auf dem knüppelharten 4,5-Kilometer- Kurs zu Statisten degradiert. Die spanische Weltmeisterin Margarita Fullana stieg in der vierten Runde aus. Gunn-Rita Dahle aus Norwegen, die in Athen Gold holte, gab ebenfalls auf. Die als Chinas «Geheimfavoritin» gehandelte Ying Liu fuhr nur auf Rang 12.
Nach dem eindrucksvollen Spitz-Solo kam die unvermeidliche Frage nach Doping. Damit habe sie schon während des Rennens gerechnet, erklärte Spitz den Journalisten hinterher: «Eigentlich hätte ich auf dem Podium mit einem Schild stehen müssen: Leistung ist auch ohne Doping möglich. Ich hätte am liebsten einen Edding rausgeholt und mir so ein Schild gemacht.» Damit war das Thema für sie erledigt.
Präzise wie ein Uhrwerk hatte sie - dünn wie nie - ihre Runden gedreht. Auch bei ihrem Rad achtete sie auf das Gewicht und hatte es bis auf 7,2 Kilogramm herunterfrisieren lassen. Bei der ersten Zieldurchfahrt führte Sabine Spitz mit 21 Sekunden, bei der zweiten schon mit 53. Die gelernte Chemie-Laborantin «wusste vorher, der schwere, kraftaufwendige Kurs ist auf mich zugeschnitten und das Klima macht mir sowieso nichts aus.»
Nach ihrem Triumph setzte sie noch einen politischen Akzent. «Wir sind im Dorf und auf der Strecke und kriegen nicht mit, was draußen wirklich los ist. Olympia ist für uns Athleten eine Scheinwelt - China bleibt für mich ein Land mit zwei Gesichtern. Ich habe leider keinen Einfluss auf die Vergabe der Spiele.»
Für Party blieb Sabine Spitz nicht viel Zeit. Schon am nächsten Tag ging der Flieger zurück in die Heimat. «Das wird jetzt ganz schön hektisch, aber Feiern muss natürlich sein. Das wird eine kurze Nacht», versprach ihr Trainer und Ehemann Ralf Schäuble.