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07.10.2008 - Hamburg (dpa) - Das IOC droht mit einem Olympia-Bann, das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit Sendepause und die Politik mit dem Entzug der Fördergelder: Nach dem Dopingverdacht gegen den zweifachen Tour-Etappensieger Stefan Schumacher droht dem deutschen Profi-Radsport ein Flächenbrand.
"Wir müssen uns fragen, ob es nicht an der Zeit ist, dem Radsport eine olympische Denkpause zu verordnen», sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach angesichts der offensichtlichen «Dummdreistigkeit» in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».
Deutschland Tour-Sieger Linus Gerdemann reagierte geschockt auf die nächste Hiobsbotschaft. «Es ist niederschmetternd, dass es immer wieder Leute gibt, die den Radsport vernichten», sagte der 26-Jährige aus dem Columbia-Team. Falls sich Schumachers positive A-Probe auf Doping mit dem EPO-Präparat CERA, von der Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer nach einem Gespräch mit Tour-Direktor Christian Prudhomme am Vorabend berichtet hatte, bestätigen sollte, sei dies «unverschämt, frech, dreist».
Der Weltverband UCI teilte der dpa mit, dass es im Zuge der zehn Nachuntersuchungen zur Tour de France «zwei neue Fälle gibt». Einer davon ist nach Angaben der für die Tests zuständigen französischen Anti-Doping-Agentur AFLD der Italiener Leonardo Piepoli. Den Verdacht gegen Schumacher, der bisher stets jegliches Doping bestritten hat, wollte ein AFLD-Sprecher nicht kommentieren. «Die Nachricht ist bestürzend. Eine Stellungnahme meines Mandanten kann es natürlich erst nach Kenntnis der konkreten Beschuldigungen geben. Bis jetzt liegt uns außer dem Inhalt der Pressemitteilungen nichts vor», sagte Schumachers Anwalt Michael Lehner.
Den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern reichten die neuen Verdachtsmomente, um - wie 2007 - einen Ausstieg aus der Tour- Berichterstattung in Betracht zu ziehen. «Wir werden in Ruhe abwarten, was noch so alles unter dem Tisch hervorgefegt wird und ob der Radsport überhaupt noch zu retten ist. Alle Konsequenzen - auch ein Ausstieg - sind möglich», sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Das ZDF wolle Anfang des nächsten Jahres eine Entscheidung fällen. «Da packt einen die kalte Wut, wenn man sieht, wie solche Betrüger den Radsport kaputt machen», sagte ein ARD-Sprecher. Eine Entscheidung der ARD-Intendanten solle kurzfristig fallen. Der TV- Spartensender Eurosport will auch künftig vom Radsport berichten.
Auch in der Politik schlug der jüngste Skandal hohe Wellen. «Ich will dem Parlament nicht vorgreifen, aber ich bin der Meinung, das muss jetzt zu einer Sperre der Haushaltsgelder für den Radsport führen», sagte Peter Danckert (SPD). Der Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag forderte indirekt auch den Rücktritt von BDR-Präsident Rudolf Scharping: «Da hilft nur noch ein radikaler Neuanfang.»
Unterdessen stimmte das Präsidium des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) in einer telefonischen Abstimmung einer sofortigen Einleitung eines Sportgerichtsverfahrens mit dem «Ziel der höchstmöglichen Sperre» von mindestens zwei Jahren gegen Schumacher zu, sofern sich die Vorwürfe bestätigen. Noch hat der BDR die Unterlagen von der Nationalen Anti-Doping-Agentur NADA aber nicht erhalten. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) sieht die olympische Kernsportart am Abgrund. «Das ist Selbstmord. Der Radsport spielt mit seiner Existenz», sagte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper. Der Dachverband werde Schumacher nachträglich aus dem Olympia-Team ausschließen und die Entsendungskosten für Peking zurückfordern.
Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer beteuerte erneut, nicht in Schumachers mögliche Doping-Verstrickungen verwickelt zu sein: «Wir haben damit nichts zu tun.» Den zweifachen Tour-Zeitfahrsieger, den er zivilrechtlich verfolgen will, werde er nicht anrufen. «Das, was ich ihm mitzuteilen habe, geht auch auf schriftlichem Wege», sagte Holczer. Der geständige Dopingsünder Patrik Sinkewitz attackierte dagegen den Gerolsteiner-Teamchef. «Er ist seit zehn Jahren dabei, so eine Betriebsblindheit an den Tag zu legen, ist aus meiner Sicht noch unglaubwürdiger und noch viel schlimmer als das Doping an sich», sagte der frühere T-Mobile-Radprofi im Hessischen Rundfunk.
Schumachers neues belgisches Quick-Step-Team, für das er bis 2010 fahren sollte, wollte zunächst keine übereilte Entscheidung treffen. «Wir sind sehr enttäuscht, aber wir wollen die offizielle Erklärung abwarten», sagte Teamsprecher Alessandro Tegner. Mit Entsetzen reagierte Schumachers Heimatverein auf den Dopingverdacht gegen den 27-Jährigen. «Die Enttäuschung sitzt sicherlich bei uns noch tiefer als bei vielen. Wir sind fassungslos», sagte Rudi Ertinger, Vorsitzender des Radsportclubs Nürtingen 1949.
Die ehemalige BDR-Präsidentin Sylvia Schenk erwartet nach den jüngsten Doping-Enthüllungen «einen Sturm». Klassiker wie die Tour oder das Henninger-Turm-Rennen in Frankfurt am Main seien bedroht: «Ich fürchte, das ist das Aus für das Henninger Rennen.»