Profi-Radsport

«Jetzt wird Geld verdient» - Telekom an Bartko interessiert

20.09.2000 - Sydney (dpa) - Robert Bartko bemühte ein Beispiel aus dem Fußball. «Für mich wird es ein Aufstieg wie aus der dritten Liga in die Bundesliga.» Allerdings dürfte der zweifache Goldmedaillen-Gewinner von Sydney bei seinem Übertritt ins Lager der Straßen-Profis damit nicht unbedingt die finanzielle Seite seines Wechsels gemeint haben.

Denn auch wenn ein Fernseh-Reporter nach dem Gold in der Einzel- Verfolgung mit Bartko jubelte und ihm gratulierte («Jetzt wird richtig Geld verdient»), werden die ersten Jahre im Profi-Business auch für den 24-jährigen Berliner kein Zuckerschlecken. Die Gage im ersten Lehrjahr kann auf etwa eine Viertelmillion Mark taxiert werden.

Wer sie für den schnellen Hundeliebhaber ausgeben darf, ist noch immer nicht hundertprozentig klar. Größter Favorit ist das «Coast»- Team aus Essen, das mächtig aufrüstet und dank der Weltranglistenpunkte der Tour-Größen Alex Zülle (Schweiz) und Fernando Escartin (Spanien) 2001 sofort in die erste Liga der Profi- Mannschaften aufsteigen will. «Seine Unterschrift ist nur noch Formsache, wir treffen uns heute», sagte der neue sportliche Leiter Wolfram Lindner am Mittwoch. Er war DDR-Trainer, dann in Diensten des Bundes Deutscher Radfahrer und zuletzt WM-Coach der Schweizer Profis.

Bartko machte aber klar, dass er noch nicht unterschreiben werde. «Ich muss den Vertrag prüfen», sagte Bartko, für den drei Kriterien beim Übertritt am wichtigsten sind: «Wer ist in der Mannschaft,- wie sieht mein Rennprogramm aus - und natürlich die finanzielle Seite.» Bartko weiß, dass er das Eisen schmieden muss, solange es heiss ist. In ein, zwei Wochen könnte die augenblickliche Euphorie vielleicht schon abklingen. Wenn im nächsten Jahr die harte Arbeit auf der Straße beginnt, hat für den zurzeit erfolgreichsten deutschen Sportler endgültig der Alltag begonnen. Sein zweites Gold feierte er bis 0500 Uhr früh, nachdem er mit dem Fabel-Vierer durch sämtliche Fernseh-Studios getingelt war.

Bartko, der noch lange brauchen wird, um sich in die Preislagen Jan Ullrichs (Irund sechs Millionen pro Jahr) oder Erik Zabels (rund zwei Millionen) hochzustrampeln, räumt sich selbst zwei Jahre Lehrzeit ein. «Zuerst werde ich meine Aufgaben bekommen. Ich glaube, ich würde eher zum Eintagesfahrer taugen als zum großen Rundfahrer, weil ich in den Bergen zu schwach bin», sagte Bartko. Er verweist bei 79 Kg bei 1,86 Meter Körpergröße stolz «auf lediglich sieben Prozent Fettanteil». Zu den meisten Zeiten im Jahr wären das für Ullrich Traummaße. «Ich könnte mir Bartko in zwei, drei Jahren bei der Tour de France durchaus als Top-Zeitfahrer vorstellen», meinte Lindner, hinter dem ein Konzern für Sportbekleidung steht.

Der große Lehrmeister des jetzigen Telekom-Pressesprechers Olaf Ludwig (Weltmeister, Olympiasieger, Weltcupsieger als Profi, Grünes Trikot) scheint das Rennen um Bartko gewonnen zu haben. Die besten Voraussetzungen hatte einmal Telekom, aber Teamchef Walter Godefroot sprang vor den Spielen plötzlich ab, obwohl Bartko feste Zusagen der Bonner hatte. «Wir müssten ihn zu lange umlernen und haben kein Platz im Team», hieß es vor drei Wochen. Die plötzliche Popularität des Doppel-Olympiasiegers, der auf jeden Fall in Berlin bleiben will («Meine Freundin und mein Hund sind dort»), ließ die Bonner plötzlich zurückrudern. Wahrscheinlich kam ein Wink aus der Chefetage.

«Ich fliege jetzt nach Sydney, dort wird es auch ein Gespräch mit Bartko geben», sagte Godefroot am Mittwoch. Am Ort seines größten Triumphes erklärte der umworbene Bahnfahrer: «Davon weiß ich nichts.»

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