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29.07.2001 -
Paris (dpa) - Er kämpfte so aufopferungsvoll, offensiv und verbissen wie noch nie in seiner fünfjährigen Tour de France- Karriere. Nach getaner Schwerstarbeit, die Jan Ullrich dennoch das sportliche Ziel verfehlen ließ, konnte der Olympiasieger seinen erneuten zweiten Platz bei der schwersten Rundfahrt der Welt mit Fug und Recht als Sieg feiern.
Doch dieser Erfolg muss richtig gewichtet werden. Trotz Top-Form und idealen Kampfgewichts - nicht immer eine Selbstverständlichkeit bei Ullrich - deuteten engste Berater auch vorsichtig an, wo das Super-Talent aus Merdingen noch Resourcen haben könnte. «Athletisch hat Jan seine Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft», meinte Team-Manager Walter Godefroot und wollte damit auch höhere Professionalisierung anmahnen: «Tausend Kleinigkeiten bringen den Sieg.»
Die Dimension Lance Armstrongs, der Ullrich im Vergleich zum Vorjahr in der Endabrechnung noch 42 Sekunden mehr abgenommen hat, ist zum überwiegenden Teil sicher mit viel härterer Arbeit und professioneller Vorbereitung zu erklären. «Armstrong lebt 12 Monate im Jahr für die Tour. Wie soll ich Jan, der fünf Monate hart für den Erfolg arbeitet, klar machen, dass es keinen Platz mehr für das Leben geben soll?» fragte sein Vertrauter Rudy Pevenage etwas ratlos. Godefroot sagte in einem Interview mit dem «Figaro», dass sich Ullrich jetzt entscheiden müsse, ob er mit seinem Status, die Nummer 2 zu sein, zufrieden sein will. Gegenüber deutschen Journalisten äußerte sich der Flame, dem französisch leichter von der Zunge geht als deutsch, zurückhaltender.
Ullrich sagte zwar, dieser zweite Platz, der sicher höher zu bewerten ist als seine drei vorangegangenen 1996, 1998 und 2000, hätte ihm «neue Motivation für die Zukunft» gegeben. Aber die Analysen, die der 27-Jährige aus der Tour 2001 zieht, lassen ihm vorerst nur eine vage Hoffnung. Ullrich hält da geistig Schritt mit Tony Rominger, der in den 90er Jahren nie ein Rezept gegen Miguel Indurain fand, ähnlich wie der deutsche Meister seit zwei Jahren nicht gegen Armstrong. «Wer sagt denn, dass Armstrong im nächsten Jahr wieder so eine Superform hat?» fragte der ehemalige Schweizer Stunden-Weltrekordler und Tour-Zweite von 1993. Das Prinzip Hoffnung formulierte Ullrich so: «Jede Ära geht ein Mal zu Ende.»
Sollte Ullrich seine Vorbereitungen auf seine sechste Tour im nächsten Jahr an dem Wunsch auf eine Armstrong-Schwäche orientieren, läge er bereits elf Monate vor dem Start der 89. Tour in Luxemburg völlig falsch. Aber keiner weiß so gut wie Pevenage, dass die Lage kompliziert ist. Leicht möglich, dass Ullrich im Juli ausgebrannt und lustlos auf dem Rad säße, wenn er ein ähnliches Vorbereitungsprogramm wie der 29-jährige Super-Perfektionist aus Texas absolvierte. Auch außergewöhnliches Talent verpflichtet nicht dazu, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, zumal wenn es als Selbstverleugnung empfunden würde.
Ullrich, der seine letzte Tour-Etappe 1998 in Le Creusot gewann, hat die freie Wahl. Schließlich hat er 1997 mit seinem Sieg Historisches aus deutscher Sicht vollbracht und fuhr sich bei der diesjährigen Tour mit seinem unbeugsamen Kampfeswillen in die Herzen der Fans. Der Merdinger hat sein Soll eigentlich erfüllt, auch wenn er auf noch zu erfüllende Verpflichtungen seines noch zwei Jahre laufenden Vertrages hinweist: «Die Tour bleibt mein großes Ziel, dafür stelle ich alles in den Hintergrund. Wenn ich keine Zuversicht mehr hätte, würde ich aufhören, Rad zu fahren.»
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