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10.10.2001 -
Lissabon (dpa) - Die Favoritenbürde nimmt er auf die leichte Schulter. Telekom-Teamchef Rudy Pevenage und Teamarzt Lothar Heinrich sind zuversichtlich wie selten. Ihr Schützling Jan Ullrich kann mit Aussicht auf Erfolg in Lissabon im Parque Florestal zwei Mal nach WM-Gold greifen.
«Er soll etwas ganz Besonderes machen», äußerte sich Pevenage etwas rätselhaft und tüftelt seit Tagen an einer Taktik für den Top-Favoriten beim Straßenrennen über 254 Km.
Vorher steht das Zeitfahren auf dem Programm. Der insgesamt 38,7 Km lange Parcours ist noch weitaus schwieriger, als die Strecke beim Straßenrennen. «Unheimlich anspruchsvoll, viele Kurven, ein kleines Bergzeitfahren. Ich habe nicht dafür speziell trainiert. Ich fühle mich im Straßenrennen stärker - darauf spekuliere ich», sagte Ullrich in Lissabon. 1999 in Treviso wurde er Zeitfahr-Weltmeister und ging anschließend als vermeintlich Stärkster im Straßenrennen bei der Medaillenvergabe leer aus.
«Ich habe mehrere Räder mitgebracht. Wahrscheinlich werde ich nicht meine spezielle, aerodynamische Zeitfahr-Maschine benutzen, sondern ein Aluminium-Rad, das 900 Gramm leichter ist», kündigte der Tour-Sieger von 1997 an, der in diesem Jahr noch zum großen Schlag ausholen will, auch, weil seine Rechnung in Frankreich wieder nicht ganz aufging.
Der Olympiasieger und Tour-Zweite ist von sich überzeugt: «Mit meinen Siegen in den WM-Vorbereitungsrennen in Italien habe ich die Italiener ein bisschen geschockt.» Wenn es bei der fünftägigen Lucca-Rundfahrt bei Ullrich trotz der Bekanntgabe der Justiz-Ermittlungen gegen ihn sportlich nicht wie am Schnürchen gelaufen wäre, hätte sich der Amateur-Weltmeister von 1993 den Weg nach Lissabon womöglich gespart. Ullrich: «Da wusste ich endgültig, dass ich bei der WM auf Sieg fahren kann.»
Nach seinen beiden Erfolgen in den hochkarätig besetzten Rennen in der Toskana und der Emiglia Romagna haben nicht nur die ebenso traditionell zu den WM-Favoriten zählenden Italiener nur einen Namen parat, wenn nach dem zukünftigen Weltmeister gefragt wird: Ullrich. Dasselbe Ergebnis bei Nachfragen im Lager der Niederländer mit dem Weltcup-Spitzenreiter Erik Dekker oder Michael Boogerd. Ullrich wird unweit des Stadt-Gefängnisses zum bestbewachten Mann in Lissabon. Aber «Beschattung» ist er gewohnt: «Das macht mir nichts aus.»
Die selbst ohne Umschweife zugestandene Favoritenrolle und seine bereits vorhandene Zeitfahr-Goldmedaille in der Vitrine lassen Ullrich ganz locker in das Zeitfahren über zwei Runden zu jeweils knapp 19,5 Kilometer gehen. Das Streckenprofil mit jeweils sechs kleinen Anstiegen pro Runde ähnelt dem einer Bergetappe bei der Tour. «Solch ein schweres Zeitfahren habe ich noch nie gesehen», sagte nach einer ersten Trainings-Inspektion der zweite deutsche Zeitfahrer Jens Voigt (Berlin), der spätestens nach seinem eindrucksvollen Sieg beim Grand Prix des Nations mit zum Favoritenkreis gehört.
«Wäre das auch der Kurs für Sonntag, wäre Jan wahrscheinlich gar nicht zu schlagen», vermutete Pevenage, der befürchtet, dass im Finale noch zu viele Fahrer an der Spitze fahren könnten, weil die Strecke nicht selektiv genug sei. «Seit Tagen überlege ich mir die richtige Taktik. Wann und wo und wie soll Jan wegfahren», rätselt der Belgier, auch der Spiritus Rector des Olympiasieges von Sydney.
Am Horizont funkeln für Ullrich nicht nur Medaillen, sondern nach einer langen Saison auch endlich Urlaubsfreuden. «Die Tour-Form über so lange Zeit zu halten, war richtig schwer, extrem hart. Ich bin froh, dass es bald zu Ende ist. Andere, die mein Programm gefahren sind, können schon seit vier Wochen die Beine hoch legen», sagte Ullrich, womit er nicht seinen Team-Kollegen Erik Zabel meint, der eine Art «Edelhelfer» abgeben soll. Ullrich: «Er ist unser Joker. Er hat sicher auch eine theoretische Chance.» Genau wie Jens Voigt.
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