Profi-Radsport

Paris-Roubaix: 100 Mal Blut und Freudentränen

12.04.2002 - Berlin/Paris (dpa) - Hundert Mal Blut und Freudentränen: Bei Paris-Roubaix steht ein großes Jubiläum bevor. Nach der Geburt des Horror-Radrennens durch das nordfranzösische Kohle-Revier im Jahr 1896 findet der Klassiker zum 100. Mal statt. Das Schöne, aber vor allem das Schreckliche des Radsports erhält beim dritten Weltcup-Rennen der Saison wieder eine Bühne.

Dabei hat der große Pechvogel der Flandern-Rundfahrt, Steffen Wesemann, Chancen, Nachfolger des bisher einzigen deutschen Siegers Josef Fischer zu werden. Der Münchner gewann vor 106 Jahren die erste Austragung der diesmal 261 Kilometer langen Prüfung über Stock und Stein.

«Einfach ignorieren», sagt Wesemann vor dem Kampf mit den grausamen Pflasterstein-Passagen, die dem Rennen die eigenartige Würze geben und alle Jahre wieder Hunderttausenden an der Strecke einen Nervenkitzel bereiten. Am Sonntag stehen insgesamt 26 Sektoren mit den «Katzenköpfen» aus dem vorigen Jahrhundert in einer Gesamtlänge von 49,1 km auf dem Plan. «Bei mir war es eine Art Hassliebe», beschrieb Ex-Profi Olaf Ludwig, 1992 Zweiter, 1993 Dritter und 1996 nach einem Sturz mit Kopfverletzung ausgeschieden, sein Verhältnis zu Paris-Roubaix.

Wesemann hatte schon 2001 auf dem Weg zur Radrennbahn in Roubaix einen harten Kampf zu bestreiten. Eine defekte Rennschuh-Halterung ließ ihn immer wieder aus der Spitzengruppe zurückfallen. Trotzdem wurde er Siebter. Diesmal will er mehr: «Es war schon immer mein Traum, Fischers Nachfolger zu werden.» Die Form dazu habe er, so sein Teamleiter Rudy Pevenage. Genauso wie das zweite Telekom-Trumpf-As, Erik Zabel, der vor zwei Jahren Dritter war. Wesemann tritt mit einem Spezialrad an und verwendet Bremsen, die sonst im Cyclo-Cross benutzt werden.

Paris-Roubaix ist wie ein Roulette-Spiel. Im Vorjahr verfolgten 5,4 Millionen Franzosen das Rennen an den Fernseh-Geräten. Kein Wettbewerb ist so unberechenbar wie dieser: Von den Liebhabern «Königin der Klassiker» genannt, von anderen «Hölle des Nordens». Keine Eintages-Prüfung ist laut Ludwig mit Paris-Roubaix zu vergleichen. Der dritte Weltcup-Wettbewerb, der seit Jahren nördlich von Paris in Compiegne gestartet wird, produziert immer neue unglaubliche Geschichten.

Zuletzt wurde Johan Museeuw zum Mythos. Am Sonntag fährt der 36- jährige Belgier sein wahrscheinlich letztes Paris-Roubaix und zählt dabei wieder zu den Topfavoriten. Im berüchtigten Wald von Arenberg mit den schlimmsten Kopfsteinpflaster-Abschnitten, die sich bei Regen in eine tückische Rutschbahn verwandeln und bei Trockenheit in eine undurchsichtige «Staubwüste», stürzte er 1998 schwer. Nach einer komplizierten Knieverletzung drohte ihm sogar eine Amputation. Aber Museeuw kam wieder und feierte 2000 in Roubaix seinen zweiten Sieg nach 1996.

Rekordhalter ist sein Landsmann Roger de Vlaeminck mit vier Erfolgen. Wegen des hohen Sturz-Risikos meiden die großen Rundfahrt- Spezialisten Paris-Roubaix. So auch der dreifache Toursieger Lance Armstrong (USA), der seit dem 24. März bei jedem Klassiker mit großem Eifer am Start war. Der fünffache Toursieger Bernard Hinault hasste das Rennen. Eine permanente Abstinenz konnte er sich als Franzose aber nicht leisten. Hinault startete ein Mal 1981 - und gewann.