Profi-Radsport

Botero siegt im Zeitfahren - Armstrong scheitert

15.07.2002 -

Lorient (dpa) - Auf dem Weg zu seinem möglichen vierten Tour-Sieg nacheinander musste Lance Armstrong einen überraschenden Rückschlag verkraften. Ausgerechnet in seiner Parade-Disziplin patzte der scheinbar unfehlbare Texaner. Im Ziel der 9. Etappe war Armstrong der große Verlierer des 52 km langen Einzelzeitfahrens der 89. Tour de France von Lanester nach Lorient.

Der Kolumbianer Santiago Botero als Tagessieger in 1:02,18 Stunden und der Spanier Igor Gonzalez de Galdeano, der sein Gelbes Trikot zum fünften Mal verteidigte, waren in der Bretagne die großen Gewinner. «Ich bin enttäuscht, dass ich nicht gewonnen und das Trikot verfehlt habe», sagte Armstrong.

Der dreifache Tour-Sieger verlor das erste direkte Kräftemessen der Favoriten elf Sekunden hinter Botero überraschend auf zwei Ebenen. Prolog-Sieger Armstrong, der schon im Team-Zeitfahren gegen die Once-Mannschaft Galdeanos 16 Sekunden eingebüßt hatte, zog auch als Solist in 1:02,29 im Kampf gegen die Uhr diesmal den Kürzeren. Noch schlimmer für ihn: Der 30-Jährige verfehlte dadurch auch das avisierte «Maillot Jaune», mit dem nun wahrscheinlich Galdeano in die Pyrenäen ziehen wird.

Galdeano, im Juni Gewinner der Deutschland-Tour, fuhr als Tagesvierter 19 Sekunden langsamer als Botero. Im Gesamtklassement geht er jetzt mit 26 Sekunden Vorsprung vor dem zweitplatzierten Armstrong in den ersten von zwei Ruhetagen. Bester der acht deutschen Tourstarter war Galdeanos Team-Kollege Jörg Jaksche. Der Ansbacher (28. mit 2:56 Minuten Rückstand) fiel vom dritten auf den 12. Rang im Gesamtklassement zurück. «Ich bin völlig fertig. Für uns lief es heute super. Jetzt haben wir nicht nur durch Galdeano Möglichkeiten, Armstrong in den Bergen zu attackieren», sagte Jaksche im Ziel.

Seit seinem ersten Toursieg 1999 hatte Armstrong bis zum Montag bei der Frankreich-Rundfahrt sieben von neun Zeitfahren (einschließlich Prologe) gewonnen. Dem gestrauchelten Topfavoriten spukte am Montag wahrscheinlich nicht nur das verlorene Mannschaftszeitfahren noch im Kopf herum. Auch seine am Samstag als Sturzfolge eingebüßten 27 Sekunden auf Galdeano, der Armstrong im Juni im Midi Libre über 19 km bezwungen hatte, machte seiner Psyche noch schwer zu schaffen.

«Jetzt müssen wir unsere Taktik in den Pyrenäen ändern. Ich werde noch aggressiver zu Werke gehen, als ich es geplant hatte. Mir wäre es lieber gewesen, ich hätte dort das Gelbe Trikot verteidigen können, als es anzugreifen», sagte Armstrong nach seiner überraschenden Niederlage.

Der Vorjahressieger, der sieben Once-Fahrer im Rücken hatte, startete relativ verhalten und lag bei der ersten Zwischenzeit nach 19,7 km im Vergleich zu seinen direkten Konkurrenten nur auf dem vierten Platz. Aber bei der nächsten Zwischenzeit (35 km) hatte er aufgeholt und lag mit Botero, der ihn beim Dauhiné Liberée im Zeitfahren bezwungen hatte, gleichauf. Im Finale musste er aber sein Tempo drosseln und fiel zurück.

Für Erik Zabel (Unna/1:09,30) war die neunte Etappe eher etwas zum Ausruhen. Zähler für die Punktwertung, die Zabel knapp vor dem Australier Robbie McEwen anführt, erhielten nur die zehn Schnellsten. Dazu konnten beide nicht gehören - das war von vornherein klar. Die Etappe nach dem Ruhetag von Bazas nach Pau an den Rand der Pyrenäen wird Aufschluss darüber geben, ob der Spitzenreiter der Weltrangliste im Grünen Trikot in die Pyrenäen fährt oder McEwen. Der auf dem Papier zur Zeit stärkste Telekom-Zeitfahrer Bobby Julich (USA) blieb in enttäuschenden 1:06,14 weiter hinter seinem tollkühnen Plan («Ich will unter die ersten fünf») zurück.

Die 600 km von Lorient nach Bordeaux legen die 182 noch im Rennen befindlichen Fahrer und ihre direkten Begleiter am Dienstag früh mit dem Flugzeug zurück. Der rund 3000 Personen umfassende Begleittross fährt über die Autobahn. Die zehnte Etappe führt über lediglich 147 km von Bazas nach Pau. Einen Tag später beginnen die schweren Pyrenäen-Etappen.

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