Profi-Radsport

Armstrong beschimpft: «Doper, Doper»

22.07.2002 -

Grignan (dpa) - Auf dem 1909 Meter hohen Gipfel des Mont Ventoux versperrte ihm kein Konkurrent mehr den klaren Blick nach Paris. Das vierte Gelbe Trikot bei der Tour de France in Folge dürfte Lance Armstrong kaum noch zu nehmen sein. Doch das Tour-Publikum hatte ihm nicht zum ersten Mal die Laune gründlich verdorben.

«Doper, Doper», hatten sie dem Texaner auf den letzten drei Kilometern des höllischen Anstiegs auf den Mont Ventoux entgegen geschrien, als er auf der Verfolgung des umjubelten Ausreißers Richard Virenque war.

Die Masse der Leute hat scheinbar kein Verhältnis zu historischen Genauigkeiten. Virenque hatte nach dem Tour-Skandal von 1998 jahrelang systematisches Doping geleugnet, um in einem Strafprozess in Lille im Herbst 2000 reumütig zu gestehen. Davor war er nur durch eine umstrittene Intervention des Weltverbandes UCI zur Tour 1999 zugelassen worden, obwohl ihn die Organisatoren zur unerwünschten Person erklärt hatten. Ganz anders verhält es sich mit Armstrong: Trotz ständiger Unterstellungen, auch ausgelöst durch seinen unfassbaren sportlichen Werdegang nach überstandener Krebs- Erkrankung, wurde dem Amerikaner Doping nie nachgewiesen.

«Hätte ich von jedem einen Dollar kassiert, der mich angepöbelt hat, wäre ich heute reich geworden. Diese Leute, die angetrunken Fahrer beschimpfen, sollen zu Hause bleiben», erregte sich Armstrong als Tages-Dritter hinter Virenque und dem Russen Alexander Botscharow nach der Hitzeschlacht am Mont Ventoux. Virenque sprach von einem «schönen Sonntag», den er seinen Landsleuten geschenkt habe und relativierte die Beschimpfungen seines Konkurrenten: «Die Fans hatten doch nur Angst, dass er mich noch einholt.» Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc registrierte im Rennleiter-Wagen Nummer eins direkt hinter Virenque die Zieleinfahrt des Triumphators mit versteinerter Miene.

Siege von Virenque, der nach abgesessener Doping-Sperre im Oktober vorigen Jahres mit seinem Sieg als Bergspezialist beim völlig ebenen Weltcup-Rennen Paris-Tours ein unglaubliches Comeback gefeiert hatte, haben oft einen bitteren Beigeschmack. Seine geschmacklosen Jubelarien anlässlich seines Tour-Etappensieges 1995 in Cauterets in den Pyrenäen sind unvergessen. Drei Stunden davor war sein Konkurrent Fabio Casartelli tödlich verunglückt, als er eine Kurve verpasste und mit dem Kopf an einen Betonpfeiler am Straßenrand geprallt war.

Aber die französischen Radsport-Fans vergeben ihren Idolen schnell. Besonders dem fünffachen «Bergkönig» Virenque, der im Vorjahr wegen seiner Sperre im Juli zum Fernseh-Zuschauer der Tour verurteilt war. Der in Casablanca geborene Weinkenner fährt jeden Tag am Start nach dem Einschreiben eine Extra-Runde an den Publikums- Massen vorbei, um deren Huldigungen entgegen zu nehmen, während seine prominenten Arbeits-Kollegen lieber in den gekühlten Wohnmobilen ihrer Teams bis zum letzten Augenblick vor dem Start ausharren.

Der Armstrong-Freund Eddy Merckx erinnerte sich an seine aktive Zeit und wollte den aufgebrachten Träger des Gelben Trikots beschwichtigen: «Sie haben mich auch ausgepfiffen. Sie sind gegen überlegene Sieger. Erst als ich 1975 gegen Thevenet verlor, wurde ich populär.» Gut, dass Armstrong am Sonntag besonnener reagierte als Wladimir Belli vor einem Jahr beim Giro. Der italienische Radprofi wehrte sich beim Anstieg vor fast handgreiflicher Fan-Belästigung mit einem gezielten Faustschlag. Belli wurde disqualifiziert.

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