Zitat der Woche:
"Wir werden noch weiter um den Fortbestand des Teams kämpfen."
(Hans-Michael Holzcer, der noch keinen neuen Sponsor für sein Team gefunden hat)
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23.07.2002 -
Les Deux Alpes/Frankfurt (dpa) - Während Jan Ullrich abgetaucht bleibt, hat das Sportgericht des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) ein mildes Urteil über ihn gesprochen. Der Olympiasieger und Tour-de-France-Sieger von 1997 wurde von dem dreiköpfigen Gremium unter Vorsitz von Peter Barth für sechs Monate gesperrt. Außerdem muss der Rad-Millionär eine Geldbuße von 2000 Schweizer Franken bezahlen.
Das Sportgericht blieb damit am unteren Ende des möglichen Strafmaßes. Das Urteil kam überraschend früh. Noch am Montagabend hatte BDR-Präsidentin Sylvia Schenk eine Entscheidung «bis spätestens 9. August» in Aussicht gestellt. Ullrich, nach Telekom-Aussage in den USA, hatte auf eine Stellungnahme mit persönlichem Erscheinen vor dem Sportgericht in Frankfurt/Main verzichtet.
Das Sportgericht wertete die Einnahme des verbotenen Stimulanzmittels Amphetamin nicht als «Doping im engeren Sinne», wie Barth sagte, sondern als Verstoß gegen das Doping-Kontrollreglement. «Ullrich hat das Mittel nicht eingenommen, um sich einen Leistungsvorteil zu verschaffen», erklärte der Frankfurter Rechtsanwalt. Allerdings sehe das Reglement vor, «dass im Rahmen des Trainings verbotene Stoffe wie Amphetamine nichts zu suchen haben». Deshalb habe er gesperrt werden müssen. Die sechs Monate sind das Mindeststrafmaß, dem 28-Jährigen hatte sogar eine Sperre bis zu 12 Monaten gedroht.
Nach Aussage von Barth gilt die Zwangspause vom morgigen Mittwoch bis zum 23. März. Da in den Monaten Dezember und Februar keine Rennen vorgesehen sind, wird die Sperre in dieser Zeit ausgesetzt. Die Sperre schmerzt Ullrich nur wenig. Wegen seiner Kniebeschwerden - eventuell steht eine weitere Operation bevor - hätte er in diesem Jahr ohnehin keine Wettkämpfe bestreiten können. Sein einziger Start 2002 datiert vom Januar, als er bei der zehntägigen Katar-Rundfahrt im Einsatz war. Die diesjährige Tour hatte er bereits im Mai abgesagt.
«Das ist eine Nicht-Sperre über den Winter. Aber es war sicher mehr die Tat eines dummen Jungen als versuchter Betrug an Konkurrenten. Er kommt wieder», war der mutmaßlich vierfache Tour- Sieger Lance Armstrong am Dienstag im Ziel der 15. Tour-Etappe in Les Deux Alpes - hier hatte Ullrich 1998 die Tour gegen Marco Pantani verloren - vom Comeback des gebürtigen Rostockers überzeugt.
Bei Telekom hatten sich die Offiziellen - wieder ein Mal - hinter einer Mauer des Schweigens zurückgezogen. «Jetzt kann ich das nicht kommentieren. Zum Ende der Tour werden wir dazu offiziell Stellung nehmen», sagte am Dienstag Team-Manager und Ullrich-Arbeitgeber Walter Godefroot. Team-Sprecher und BDR-«Vize» Olaf Ludwig wollte «nichts bewerten, bevor wir die schriftliche Urteilsbegründung haben.»
Ullrich waren bei einer unangemeldeten Doping-Kontrolle in seiner Rehabilitation in Bad Wiessee nach einer Knieoperation am 12. Juni verbotene Amphetamine nachgewiesen worden. Der vom Team Telekom beurlaubte Fahrer gab am 6. Juli in einer Fernseh-Beichte öffentlich zu, bei einem Disco-Besuch zwei Tabletten geschluckt zu haben. Die Staatsanwaltschaft München hat ebenfalls Ermittlungen gegen ihn eingeleitet.
Wie es für Ullrich nach dem Urteilsspruch weitergeht, steht in den Sternen. Sein Manager Wolfgang Strohband setzte sich unmittelbar nach Bekanntwerden des Urteils mit den Sponsoren in Verbindung. «Wichtig für die Verhandlungen ist, dass Jan kein Betrugsversuch unterstellt wurde», sagte Strohband. Insgesamt konnte Ullrich bisher Sponsoren- Einnahmen von jährlich geschätzten mindestens 2,5 Millionen Euro neben seinem Telekom-Gehalt verbuchen.
Ullrichs Team plant die sportliche Zukunft bis 2005 zweigleisig: Sollte dem zweifachen Zeitfahr-Weltmeister das angekündigte Comeback gelingen, umso besser. Wenn nicht, werde auch vorgesorgt, sagte Godefroot, der bereits am Montag etwas auf Distanz zu seinem gefallenen Star gegangen war: «Ich weiß im Moment nicht, ob Jan noch Radfahrer ist.» BDR-Präsidentin Sylvia Schenk, die vor knapp drei Wochen lange Gespräche mit Ullrich führte, ist in erster Linie daran interessiert, dass der Rad-Profi mental «wieder in die Reihe» kommt.
«Die Gefahr ist, dass er vor seinen aktuellen Schwierigkeiten in den Radsport zurückflieht und nach der wahren Problematik des Menschen nicht gefragt wird. So weit ich weiß, ist an seinem lädierten Knie noch einiges zu tun und sonst sicher auch», sagte Schenk, die Ullrich in seinem Exil «dringend professionelle Hilfe» empfahl. «Ich will gar nicht wissen, ob er in den USA oder auf den Malediven oder sonst wo ist. Ich habe gar nicht nachgefragt», sagte die Präsidentin, die befürchtet, dass Ullrich unter den nächsten Erwartungsdruck - schafft er sein Comeback oder nicht? - geraten und daran zerbrechen könnte.
«Wenn ein Comeback gelingen soll, muss sich Jan 100 Prozent mit den Besten messen wollen», sagte Godefroot, der wie Schenk unterstrich, dass sich zuerst der Mensch Ullrich wieder finden muss. «Wir machen Pläne mit zwei Varianten - mit und ohne Ullrich», sagte der Belgier, als er das weitere Engagement seines Sponsors Telekom bis 2005 bekannt gab.
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