Pokerpartie um Jan Ullrich

28.07.2002  | 

Macon (dpa) - Jan Ullrich ist zum Mittelpunkt einer Pokerpartie geworden. Sein Arbeitgeber Telekom lässt seinen bis Ende 2003 laufenden Vertrag vorerst auf unbestimmte Zeit ruhen, um für die Zukunft über leistungsbezogenen Bezüge zu verhandeln. Offizielle Bestätigungen gibt es für die geplante Modifikation nicht, aber die Zeichen deuten eindeutig darauf hin.

Ullrichs Manager Wolfgang Strohband will derweil die Preise hoch halten, brachte dezent Bjarne Riis als Interessenten ins Spiel und kündigte an, von Telekom einbehaltenes Geld zurückzufordern.

«Natürlich wollen wir Ullrich behalten», machte am Sonntag Teamsprecher Olaf Ludwig vor dem Start der letzten Tour-Etappe in Melun deutlich und gab zu bedenken, dass die Zukunft des gestürzten Radstars weiter völlig ungewiss ist. Ob und wie Ullrich seine vielfältigen Probleme in den Griff bekommt und ob der 28-jährige Olympiasieger als Topsportler zurückkehren kann, steht weiter in den Sternen. In diese Richtung äußerte sich auch sein früherer Team- Kollege und Vorgänger als Toursieger, Bjarne Riis, seit zwei Jahren erfolgreicher Teamchef der Formation TSC Tiscali.

«Ich habe Strohband bei der Tour kurz auf der Straße getroffen. Wir haben ein paar Worte gewechselt. Ullrich muss in erster Linie für sich klären, ob er als Radsportler wieder kommen kann. Dann muss er seine Vertragsverhältnisse bei Telekom ordnen. Wenn er danach erklärt, dass er ins Riis-Team will, könnten wir darüber sprechen», sagte der Däne am Sonntag. Vorerst sitzt er beim Poker um Ullrich, dessen letztes Gehalt nach dem Urteil des Sportgerichts im Juni floss, am Nebentisch. Womöglich muss Ullrich bis zum Ende seiner Sperre (23. März 2003) wegen der positiven Doping-Analyse auf mindestens 100 000 Euro monatlich verzichten.

«Dass der Vertrag jetzt auf unbestimmte Zeit ruht, heißt nicht, dass er gelöst ist. Wir setzen uns mit ihm zusammen und müssen alles klären und über neue Vertragsverhältnisse nachdenken», sagte Team- Manager Walter Godefroot. «Sobald Ullrich weiß, was er will, verhandeln wir,» sagte Ludwig. Das bestätigte auch der auf Telekom- Seite für den Geldfluss verantwortliche Kommunikations-Direktor Jürgen Kindervater, der als rechte Hand des zurück getretenen Konzernchefs Ron Sommer galt.

Strohband achtet auf den Marktwert seines Schützlings, möchte ihm im Moment aber «vor allem Ruhe gönnen, und abwarten, wie die wegen Drogen-Besitzes ermittelnde Münchner Staatsanwaltschaft entscheidet». Der Hamburger will bei einer Verlängerung des Vertrages bei Telekom das Geld zurückfordern, dass dem zweifachen Zeitfahr-Weltmeister derzeit verloren geht.

Mit dem Gehalts-Stopp für Ullrich schlagen Godefroot und Kindervater den Weg der neuen Sparsamkeit ein. Nach vier Vertragskündigungen und der fast von Tränen begleiteten Ankündigung Kevin Livingstons (USA), zum Ende der Saison seine Karriere zu beenden, wird Geld frei für die mögliche Neuverpflichtung eines prominenten Etappenfahrers. Als Kandidaten gelten der Vuelta-Zweite 2001, Oscar Sevilla (Spanien), und der diesjährige Giro-Gewinner Paolo Savoldelli (Italien).

Auf die Vorwürfe der Verbands-Präsidentin Sylvia Schenk, Godefroot hätte auf Ullrich übermäßigen Druck ausgeübt und dessen gravierende Ausfälle in den vergangenen Monaten womöglich dadurch beschleunigt, reagierte der einzige Ullrich-Kritiker bei Telekom aggressiv: «Frau Schenk hat wahrscheinlich mehr Ahnung von Leichtathletik als von Radsport». Sogar Innenminister Otto Schily mischte sich ein und plädierte für einen behutsamen Umgang mit Ullrich.

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