Profi-Radsport

Telekom-Vorstand tagte bereits

Zukunft von T-Mobile am seidenen Faden

06.11.2007 - Berlin/Bonn (dpa) - Die Anzeichen für einen baldigen Rückzug des T-Mobile-Konzerns aus dem Profi-Radsport verdichten sich. Das Team- Management hat im Fall Sinkewitz Akteneinsicht bei der Staatsanwaltschaft Freiburg und beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR) beantragt.

Ob die Ergebnisse dieses Vorgangs den Sponsor in seiner Entscheidung überhaupt noch beeinflussen werden, sich trotz andauernder Image-schädigender Doping-Vorwürfe weiter vertragsgemäß zu engagieren, ist unklar. Der Vorstand des Mutterkonzerns Telekom, der dem Profi-Radsport seit 1991 verbunden ist, tagte nach dpa-Informationen bereits. Sollte der vorzeitige Ausstieg erfolgen, wie ihn der Zweitligist Wiesenhof bereits vollzogen hat, droht dem deutschen Radsport der Niedergang, zumal auch die Zukunft des Teams Gerolsteiner nach 2008 offen ist.

T-Mobile-Manager Bob Stapleton rechnet ungeachtet der drohenden Ausstiegs-Szenarien mit einer Zukunft seiner jungen Belegschaft. Nach den Doping-Aussagen von Patrik Sinkewitz habe es zwischen Sponsor und Rennstall keine Diskussion über eine Beendigung des Engagements gegeben. «Wir haben den Großteil des Managements und der Fahrer ausgetauscht sowie ein umfangreiches Anti-Doping-Programm installiert. Für 2008 haben wir diesen Kurs weiter optimiert», sagte der millionenschwere Kalifornier Stapleton, der die ProTour-Lizenz des Teams besitzt. Der gültige Vertrag bis 2010, den er mit der Telekom-Tochter besitzt, dürfte rund 35 Millionen Euro schwer sein.

BDR-Chef Rudolf Scharping wollte sich an «Spekulationen» über einen möglichen Telekom-Ausstieg nicht beteiligen. «Ich habe keine Angst um den deutschen Radsport. Ich mache mir Gedanken über die Zukunft des einen oder anderen Teams», sagte Scharping der Deutschen Presse-Agentur dpa. Die BDR-Spitze befürworte, dass T-Mobile sich die Unterlagen der Sinkewitz-Anhörung ansehen könne. «Jemand aus dem Umfeld von T-Mobile hat bei uns nach den Akten gefragt, aber wir haben das Protokoll der Sinkewitz-Anhörung bisher nicht herausgegegeben», sagte der BDR-Sportgerichtsvorsitzende Peter Barth.

Der Beschluss für das Sinkewitz-Urteil, der dank der Kronzeugen- Regelung auf eine Reduzierung der üblichen Zwei-Jahres-Sperre hoffen kann, liegt laut Barth vor. «Er wurde an die Mitglieder des Sportgerichts weitergeleitet. Wir sind momentan in Abstimmung. Die Entscheidung fällt in dieser oder der nächsten Woche», sagte Barth. «Bis wir Akteneinsicht bekommen, vergehen sicher mehrere Tage», sagte T-Mobile-Teamsprecher Stefan Wagner. Zuvor hatte Kommunikations-Chef Christian Frommert erklärt: «Wir müssen belastbare Fakten sammeln, um dann eine belastbare Entscheidung zu treffen.»

Das Team-Management der gebeutelten Bonner unter Stapleton forderte auch den Weltverband UCI auf, tätig zu werden: «Wir haben am Montag einen formellen Antrag bei der UCI gestellt, die von Sinkewitz zur Verfügung gestellten Informationen über die Doping-Aktivitäten im Team vor unserer Übernahme zu prüfen, sobald diese durch den BDR oder andere offizielle Stellen an die UCI übergeben worden sind.»

Der inzwischen von seinem Team entlassene Sinkewitz, der überführt wurde, im Juni dieses Jahres mit Testosteron gedopt zu haben, hatte umfassend vor dem BDR-Sportgericht, dem Bundeskriminalamt und der Staatsanwaltschaft ausgesagt. Daraufhin wurden Räume der Sportmedizin in der Uni-Klinik Freiburg, wo die früheren T-Mobile-Teamärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid arbeiteten, durchsucht. Außerdem gab es bei beiden Medizinern Wohnungsdurchsuchungen. Sinkewitz legte durch seine Aussagen nahe, dass im Team noch während der Tour de France 2006 ein Doping-System existierte.

Der Hesse hatte erklärt, dass er nach der ersten Tour-Etappe von Straßburg nach Freiburg mit dem Auto gefahren sei, um sich in der Freiburger Klinik Eigenblut-Doping zu unterziehen. Es ist fast unmöglich, dass sich ein Fahrer während des Saisonhöhepunktes mehrere Stunden vom Team entfernen konnte, ohne dass die Teamleitung (damals: Olaf Ludwig) Bescheid wusste, und unwahrscheinlich, dass nur Sinkewitz die Doping-Möglichkeiten nutzte. Zwei Tage vor dessen Kurztrip zum Blut-Doping hatte die Teamleitung Jan Ullrich, Teamchef Rudy Pevenage und Oscar Sevilla wegen akuten Doping-Verdachts suspendiert.

Der Sportausschuss-Vorsitzende des Deutschen Bundestages, Peter Danckert, sprach sich nach den jüngsten Doping-Enthüllungen für ein Ende des Telekom-Sponsorings aus. «Bei aller Sympathie für den Radsport - hier gibt er selbst den letzten Anstoß, dass ein Sponsor, der viel veranlasst hat zur Dopingbekämpfung, am Ende des Tages sagen muss: Jetzt sind wir nicht mehr die richtigen Partner», sagte der SPD-Politiker in einem Interview der «Süddeutschen Zeitung».

«Ich weiß nicht, ob der Radsport schon tot ist, aber er ist am absoluten Tiefpunkt. Ohne Sponsoren wird im Radsport nichts mehr laufen», sagte Danckert der dpa und kritisierte das Krisen-Management seines Partei-Genossen und Verbands-Vorsitzenden Rudolf Scharping: «Außer flotte Sprüche hat Scharping nichts bewegt». Der BDR-Chef wollte diese Kritik nicht kommentieren, betonte aber, dass der Radsport «die strengsten Grenzwerte» habe. «Im Tennis wird ein Doping-Fall nach Monaten bekanntgegeben, bei uns sofort.»

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